Meine Zukunft: "Auch ich war einmal Angstpatient"
Mein Name ist Pedro, Baujahr 56, geschieden.
Anfang 1984 fing die ganze Seh... an. Plötzlich und unerwartet auftretende
Schwindelanfälle, Schweißausbrüche, Zittern, Herzschmerzen;
Straßen zu überqueren wurde wortwörtlich zu einer Zitterpartie,
öffentliche Verkehrsmittel wurden aus meinem Gedächtnis gestrichen
und Kneipen und andere Lokalitäten hatten nur noch Erinnerungswert.
Monatelang war ich ein gerngesehener Gast in den unterschiedlichsten Arztpraxen,
da die Herren in Weiß für gutes Geld und wenig Arbeit meinen
Gesundheitszustand als absolut unbedenklich einstuften. Im September 1984
ging nichts mehr. Nach einem Totalzusammenbruch wurde ich vom Notarzt ins
Krankenhaus eingeliefert.
Bin dann eine Woche lang nach allen Regeln der Kunst durchgecheckt worden.
Nichts, kerngesund! Ich zweifelte so langsam an meinem Verstand, bis endlich
ein junger, engagierter Assistenzarzt auftauchte und nach einem
zehnminütigen Gespräch die Diagnose stellte: Agoraphobie mit
Panikstörungen. Hatte ich im Leben noch nichts von gehört, aber
endlich hatte die Krankheit einen Namen.
4 Wochen später Einweisung in eine psychosomatische Klinik. War zu dem
damaligen Zeitpunkt mit der Materie total überfordert, und nach 10 Wochen
Aufenthalt hatte sich mein Zustand weiter verschlechtert. Anfang 1985 begann
ich eine Einzelgesprächstherapie, die sich fast über zwei Jahre
erstreckte und den absoluten Durchbruch brachte. Zwischen 1987 und 1992 war
ich hundert Prozent beschwerdefrei.
Anfang 1993 erneut erste kleine Anzeichen für Angststörungen, die
sich bald in ihrer Heftigkeit als auch in der Häufigkeit steigerten.
Schon bald Angst- und Panikstörungen in extremster Form.
Mehrere ambulante Therapien. Einnahme von unterschiedlichen Medikamenten.
Teilweise monatelang arbeitsunfähig geschrieben.
Ende 1996 erneuter 10wöchiger Klinikaufenthalt in der psychosomatischen
Klinik Bad Dürkheim. Hier habe ich erstmals an einer Konfrontationstherapie
teilgenommen und festgestellt, dass sie zwar sehr viel Kraft kostet, aber
schon nach wenigen Tagen stellten sich erste Erfolge ein.
Nach Klinikaufenthalt leichte Besserung für ca. ein halbes Jahr.
Ab Mitte 1997 wieder ziemliche Verschlechterung. Täglich mehrere
Panikattacken. Einnahme von Psychopharmaka, um überhaupt arbeiten gehen
zu können. Erstmals auch massive Herzphobie; auftretende Todesängste.
Seit 1998 ein ewiges Auf und Ab. Manchmal einige Tage Ruhe, dann aber auch
wieder 3 Panikattacken am Tag.
Ende 2000 erneut 3monatiger stationärer Aufenthalt in einer
psycho-somatischen Klinik. Besonders die angebotene Angstgruppe hat mir hier
sehr geholfen. Medikamente nehme ich im absoluten Notfall weiterhin. Ich
weiß, dass ich da nicht das große Vorbild abgebe, aber ich wäge
das für mich selber ab. Vordergründiges Ziel ist aber ein Leben
ohne Tabletten.
Sehe recht positiv in die Zukunft, weil ich weiß, das ich es packen
werde. Es wird ein dornenreicher Weg, aber ich habe es schon einmal geschafft.
Den Therapeuten betrachte ich nur als eine Art Krückstock, denn eins
ist klar. Nicht er kann mir helfen, sondern allenfalls Hilfestellung geben,
helfen alleine muss ich mir selber.
Die Angst selbst versuche ich mittlerweile nicht mehr als meinen Feind anzusehen.
Sie ist halt da und ich lebe mit ihr - mal besser mal schlechter.
Ich höre auch nicht mehr so extrem auf irgendwelche körperlichen
Unregelmäßigkeiten. Wenn ich plötzlich einen Schmerz in der
Herzgegend verspüre, versuche ich ihn zu ignorieren und mich abzulenken,
ohne den Gedanken aufkommen zu lassen, dass irgendwas mit dem Herz nicht
stimmt. Das funktioniert nicht immer, aber immer öfter! Denn ich weiß
ja nach ausgiebigen kardiologischen Untersuchungen, dass das Herz in Ordnung
ist. Die Herzphobie ist auch fast ganz weg und warum soll ich die Panikattacken
nicht auch wieder in den Griff bekommen?
Ich denke, nein ich weiß, dass wir es alle packen können. Wir
dürfen uns nicht aufgeben und uns dieser Krankheit unterwerfen. Stehen
wir doch über ihr. Sie ist halt ein Teil von uns. Wir haben sie uns
angelernt, also arbeiten wir daran, sie auch wieder zu verlernen.
Ich verspreche Euch, dass irgendwann diese Zeilen überschrieben werden
und die Ausführungen werden mit den Worten beginnen: "Auch ich war einmal
Angstpatient".
Ich wünsche Euch allen viel Erfolg bei der Suche nach Eurem eigenen
Weg aus dieser Krankheit, und die Kraft, diesen erfolgreich zu beschreiten.
In diesem Sinne
Pedro
(c) erschienen in der strassen gazette, Ausgabe 5 - Juli/August 2002