"Angst - ihre Ursachen und Therapiemöglichkeiten"

von Thomas Meyer-Falk

 

Im folgenden soll nach einem Definitionsversuch was "Angst" eigentlich ist (A.), beleuchtet werden welche Ursachen Ängste haben können (B.) , welche unterschiedlichen Therapieansätze heute eingesetzt werden um "Angststörungen" zu behandeln (C.) und schließlich mit einer kritischen Zusammenfassung dieser Artikel abgeschlossen werden.

A.) Was ist Angst?

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Angst und Furcht oftmals gleichgesetzt. "Furcht" ist jedoch die allgemeine Bezeichnung für unangenehme Gefühle der Spannung und Betroffenheit angesichts oder in Erwartung konkreter Gefahren- oder Bedrohungsquellen (Gegenstände, Personen, Situationen) wogegen es sich bei "Angst" im engeren Sinne um einen emotionalen Erregungszustand handelt, der von Bedrängnis und Besorgtheit im Bezug auf die Ungewissheit bzw. Undurchschaubarkeit der eigenen Lage ohne konkreten Gegenstandsbezug geprägt ist.

Ängste gehen bei akuten oder lebensbedrohlichen Gefahren einher mit einer Erhöhung des Herzschlagen, Pupillenerweiterung, Kälte- und Hitzeempfindungen, Zittern, Übelkeitsgefühlen, Veränderungen in der Motorik (z.B. Erstarren oder aber Einleitung massiver Abwehr oder Fluchtbewegungen ), d.h. überwiegend mit körperlichen Erregungszeichen.

Wohingegen bei den alltäglichen Ängsten und Befürchtungen kognitive Bewertungsprozesse , d.h. Denkprozesse, Überlegungen dominieren und weniger die konkreten körperlichen Reaktionen.

Ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft stellen diese sogenannten "Angststörungen" dar, früher auch "Angstneurosen" genannt.

Dabei handelt es sich um sogenannte klinisch auffällige Angstzustände und/oder vermeidende Verhaltensweisen, die sich in Bezug auf bestimmte Gegenstände, Situationen oder Ereignisse und/oder deren Vorstellungen äußern. Zu den bekanntesten Angststörungen zählen wohl Panikstörungen, Agoraphobie (Angst vor großen Plätzen), soziale Phobien (z.B. Prüfungsängste), Zwangsstörungen (z.B. Waschzwang). Aber auch posttraumatische Belastungsstörungen zählen hierzu, hierunter sind Angstattacken zu verstehen wie sie nach traumatischen Ereignissen wie schweren Unfällen oder auch Verbrechen auftreten können.

B.) Ursachen von Ängsten

In der Psychologie gibt es ganz unterschiedliche Ansätze die Ursachen von Ängsten beschreiben.

B 1) Substanzinduzierte Ängste

Diese Gruppe von Ängsten lässt sich noch am einfachsten in ihren Ursachen beschreiben, da bei diesen die Angstsymptome in Folge von Substanzmissbrauch (z.B. Alkohol, Heroin, Kokain etc.) auftreten. Das heißt die Ängste sind unmittelbare Folge biochemischer Reaktionen im Gehirn und im Stoffwechsel der Betroffenen.

B 2) Psychoanalytische Angsttheorie

Sigmund Freud (1856-1939) sah in den Ängsten eine Reaktion des Organismus auf nicht verkraftbare Erregung, die durch den seelischen Schmerz bei drohendem Verlust eines "triebbesetzten Objektes" (z.B. eines geliebten Menschen) ausgelöst wird. Und er sah die Ursache des weiteren in unbewussten Konflikten zwischen Triebansprüchen und moralischer Kontrolle.

B 3) Lerntheoretische Angsttheorie

Diese Theorie geht davon aus, dass Ängste erlernt werden durch Reiz und Reaktion. Werden Angsterfahrungen in größerer Zahl erlebt, so entstehen automatisierte Vermeidungsreaktionen auf die die Betroffenen anfangs keinen unmittelbaren Einfluss haben.

Angenommen ein kleines Mädchen wurde regelmäßig Opfer sexueller Übergriffe durch den Vater in Dunkel des Kinderzimmers, so kann dies zu einer Angst vor Dunkelheit führen, da das immer größer werdende Kind die einsetzende Dunkelheit spontan mit den sexuellen Übergriffen verknüpft.

Zu den durch lerntheoretische Angsttheorien erklärbaren Ängsten gehören auch posttraumatische Belastungsstörungen. Wer in einer Bank beispielsweise Opfer eines kahl geschorenen Geiselnehmers wird, kann, auch wenn die Geiselnahme Wochen oder Monate zurückliegt, immer noch spontan auftretende Ängste aufweisen, wenn er/sie auf kahlköpfige Männer trifft.

C.) Therapieansätze

C l) Psychoanalyse

Die Psychoanalyse empfiehlt sich zum Abbau schwerer Ängste, die deutende Aufdeckung der zugrundeliegenden Konflikte. Diese Form von Therapie kann sehr hilfreich sein, bei Ängsten deren Wurzeln in der (frühen) Kindheit zu suchen sind, da sie dem Betroffenen helfen verstehen zu lernen, warum sie in gewissen Situationen mit Ängsten reagieren.

C 2) Verhaltenstherapie

Bei dieser Therapie steht eine unmittelbare Bekämpfung der Angstfolgen im Vordergrund. Es wird weniger nach den tiefenpsychologischen Ursachen geforscht, sondern es sollen rasche Fortschritte erzielt werden um den Betroffenen wieder ein angstfreies Leben zu ermöglichen.

Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Bei Agoraphobie (Angst vor großen Plätzen) würde in einem ersten Schritt der/die Klientin gedanklich darauf eingestimmt sich einen großen Platz vorzustellen, um dann im weiteren Schritt sich vorzustellen, wie er/sie auf diesem Platz spazieren geht. In einer späteren Phase würden TherapeutIn und KlientIn dann tatsächlich einen solchen Platz aufsuchen.

Diese Strategie wird "Desensibilisierung" genannt, der/die PatientIn soll lernen , dass ihm/ihr kein Leid geschieht, wenn man sich der Angst auslösenden Situation aussetzt.

C 3) Gesprächstherapie

Hier wird - ähnlich wie bei der Psychoanalyse - primär miteinander gesprochen, allerdings enthält sich die/der TherapeutIn jeder Deutung des gesagten, sondern nimmt eine Anteil nehmende zur Selbstdeutung ermunternde Haltung ein. Dieser Form der Therapie liegt die Vorstellung zugrunde, dass Ängste ihre Grundlagen in einer Diskrepanz zwischen realem und idealem Selbstkonzept haben. Angenommen jemand hat starke Prüfungsängste, so kann dem - verkürzt gesagt- zugrunde liegen, dass er/sie nach den idealen Selbstvorstellungen möglichst alle Prüfungen glänzend bestehen möchte, jedoch die realen Gegebenheiten (z.B. mangelndes Wissen) dies verhindern. Diese Diskrepanz kann zu Ängsten führen und in einer vertrauensvollen, Anteil nehmenden Atmosphäre der Gesprächstherapie durch Selbstreflektion durch den Betroffenen selbst aufgehoben werden.

C 4) Pharmakatherapie

Bei machen und sehr massiven Ängsten können auch mit der Gabe von Psychopharmaka die Spitzen gedämpft werden, um so in einem nächsten Schritt dann eine der oben genannten Therapiesätze einzusetzen.

Und bei durch Substanzmissbrauch hervorgerufenen Ängsten ist oftmals schon das Absetzen der Substanz (sei es Alkohol, Heroin etc.) ausreichend um die aufgetretenen Ängste zu beseitigen.

D) Kritische Zusammenfassung

Ängste gehören zum menschlichen Dasein und können nützliche Reaktionen auf Erlebnisse sein, welche ansonsten dazu führen würden, dass ein Mensch im wahrsten Sinne "verrückt" würde.

Ziel jeder therapeutischen Intervention darf nicht sein, den Menschen lediglich wieder dem Produktionsprozess als nützliche Arbeitskraft zuzuführen und die Ängste lediglich soweit zu mildern , dass der Betroffene wieder arbeiten kann. Im Vordergrund muss ohne Wenn und Aber die persönliche Lebensqualität stehen! Gerade bei der eher mechanistisch orientierten Verhaltenstherapie, die primär nur Symptome behandelt, besteht die Gefahr, dass die weiterhin bestehenden Ängste sich andere Ausdrucksformen suchen, so wie auch eine Kopfschmerztablette nur das unmittelbare Schmerzgefühl beseitigt, jedoch nicht die Ursache, welche Beispielsweise ein vereiterter Zahn oder ein Tumor sein könnte.


Ängste sind nichts wofür man sich schämen müßte!

Sie sind Anzeichen und Signal dafür, dass etwas im Ungleichgewicht ist.

Haben wir Mut und
stehen zu Ängsten
und suchen Hilfe!


Angststörungen:
Kontaktadressen/
Hilfeanlaufstellen



Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen -
KISS Mainz
c/o Haus der Begegnung
55128 Mainz
Tel.: 06131/936 80 30
Christiane Gerhardt
Drechslerweg 25
Sprechzeiten:
Mo. - Fr. 8 -10 Uhr
und nach Vereinbarung



Gesundheitstreffpunkt
Mannheim e.V.
68169 Mannheim
Tel.: 0621/339 18 18
Frau Faldey, Frau Handlos
Alphornstr. 2 a
Sprechzeiten:
Mo., Do. 9-11 Uhr/
Mi. 17 -19 Uhr
und nach Vereinbarung



Agoraphobie e.V.
Beratungsstelle bei Angst,
Panik und Phobien
12161 Berlin
Tel./Fax: 030/851 58 24
Taunusstr. 5
Sprechzeiten:
Mo. 9-14 Uhr Mi. 13-18 Uhr/
Do. 18-20 Uhr Fr. 9-13 Uhr



KISS Herne
Selbsthilfegruppe
Herne/Wanne-Eickel



EMDRIA Deutschland e.V.
Am Siebrassenhof 70
33605 Bielefeld


(c) erschienen in der strassen gazette, Ausgabe 5 - Juli/August 2002