"Es ist als ob ein zähnefletschender Tiger...

... vor Ihnen steht," so sagte einmal ein Arzt zu mir, "genau so reagiert auch der Körper, mit Stress und Panik, das Herz rast, die Atmung wird flach und schnell, der Kreislauf spielt verrückt - nur, das der Tiger nicht da ist!" Schön denke ich, nachdem seine Diagnose "hyperventilieren" hieß, weiß ich ohnehin, worauf das wieder hinausläuft. Wird es schlimmer kommen wieder Neuroleptika, Antidepressiva und Beruhigungsmittel zum Einsatz, weil sonst der Alltag auf der Kippe steht, der ja irgendwie bewältigt werden muss. Und dann noch die guten Ratschläge "Atmen Sie einfach ruhig und tief durch" oder "Sie wissen doch, . dass es nur vom Kopf kommt. Also keine Panik!".

Sicher, er hat ja recht, denke ich. Nur viel weiter hilft das auch nicht. "Nur der Kopf, aber mit dem kann man ja reden wie man will, kommt das Gefühl hoch, so hört er doch nicht so recht. Und oft kommt der Körper, das Herzrasen, die fehlende Luft, der Schwindel vor der Angst, was unheimlich Angst macht, denn schließlich ist die Angst nicht mehr weit. "Der Tiger ist nicht da..." was weiß er schon, dieser Arzt, dieser fremde Mann, von der Panik, wenn doch der Körper eindeutig zeigt, dass er schlapp macht, sich der Tod so nah anfühlt. Dann kommt die Angst, die man zwar noch begreifen kann, aber die alles noch schlimmer macht: Was wird aus den Kindern? Wie werden sie es verkraften? Wer wird sich um sie kümmern? Wer ihren Lebensunterhalt verdienen, ihnen ein Zuhause geben? Nichts ist so geordnet, dass "es" jetzt passieren darf!

EKG o.k., Lungenfunktion o.k., also kein Grund zur Panik! Mal wieder beim Arzt gewesen und ich kann "bewiesener" Maßen meinem Kopf sagen, kein Grund zur Panik! Für den Moment hat es auch was beruhigendes, aber dann? Dieser blöde Kopf will nicht hören. Die Sorge um die Kinder ist eine berechtigte Angst. Sie ist qualvoll, sehr qualvoll, aber nachvollziehbar, da sie bei den vorhandenen körperlichen Symptomen "natürlich" ist. Was ist aber mit der Angst die kein "normaler" Mensch nachvollziehen kann? Der Angst, wenn man sich allein im Raum, gar in der Wohnung oder in einem Haus befindet? So ein Blödsinn, da ist doch nichts, würden die anderen dann sagen. Aber sie haben auch nicht die Angst, vor dem was nicht da ist. Können es nicht begreifen, warum man sich urplötzlich nicht mehr von einen Raum in den anderen wagt, manchmal nicht einmal sich umzudrehen, starr ist vor Angst, das Licht nachts nicht ausmacht, ohne dass "etwas" da ist. Im normalen Leben draußen habe ich, im Gegensatz zu vielen anderen Panikern, keine Angst, jedenfalls keine die über noch als "normal" anzusehende Unsicherheiten hinausgeht. Das Groteske an der Situation ist aber, dass nach Einnahme von Psychopharmaka, diesen unscheinbaren kleinen Dingern und Spritzen, sämtliche, zumindest körperlich scheinbar unüberwindbare Probleme, wie weggeblasen sind. Auf einmal ist es möglich zu atmen, dieÜbelkeit und der Schwindel verschwinden, Beine und Arme haben wieder Kraft und der riesige Fels von der Brust verschwindet. "Na, da sehen Sie mal, alles nur der Kopf.....". Natürlich weiß ich wie jeder andere halbwegs denkende Mensch, dass die Zufuhr von Psychopharmaka nur Unterdrückung und keinerlei Lösung ist, auch wenn es in Extrem-Situationen eine große Erleichterung ist. Es ist der falsche Weg, da gebrauch es gar keiner Diskussion.

Mir wie anderen Betroffenen verschafft es zwar nebst der symptomatischen Erleichterung jene, das alles "wirklich" nur vom Kopf kann, nur lösen kann es das, was kommt, nicht. Ganz im Gegenteil, alles was Klarheit nimmt kann nicht die Lösung sein. Heute, es kommt nach wie vor immer wieder, kann ich bewusster mit umgehen, was aber leider nicht bedeutet, das all die Symptome mit all der begleitenden Panik nicht mehr zuschlagen. Das passiert nach wie vor noch, besonders in schwierigen Lebenssituationen, ohne das sich eine tatsächliche Verbindung zu der gegebenen Situation erklären lässt. Jede Entscheidung, jeder Neubeginn, jedes ungelöstes Problem macht Angst, aber auf ganz "natürliche" Weise, es sind einfach Sorgen die das Leben mit sich bringt, davor ist keiner gefeit. Warum aber die Panik, die irrationale, und dann genau zu dem Zeitpunkt wo genug anderes ansteht?

"Der Tiger ist doch gar nicht da....." ganz so einfach ist es leider nicht. Den Kopf interessiert diese Aussage auch nicht weiter, denn sein Tiger ist da, irgendwo weit hinten, kein rationeller Gedanke kann ihn zähmen. Das mag wohl an der Bescheidenheit rationeller Gedanken liegen. Aber die, zugegeben erleichternde, Zufuhr von Psychopharmaka, bringt die Lösung keineswegs näher. Vielleicht wartet der Tiger ja nur darauf, gesehen zu werden, und dazu braucht es manchmal Hilfe und vor allem Klarheit, die unter Medikamenten nicht zu erreichen ist. Vielleicht ist es ja auch so: Dass der Tiger, sieht man ihm erst mal in die Augen und erkennt ihn an, unheimlich lieb ist. Denn wie heißt es so schön. "Wovor wir am meisten Angst haben, da liegen unsere größten Stärken verborgen".

Gabriele Lermann


(c) erschienen in der strassen gazette, Ausgabe 5 - Juli/August 2002