Dysmorphophobie, auch Body Dysmorphic Disorder oder körperdysmorphe Störung

Ich fühle mich hässlich

Bei Dysmorphophobie handelt es sich um eine seelische Störung, die bereits vor 100 Jahren erstmalig erwähnt wurde. Dennoch ist sie praktisch unbekannt.

Sie ist gekennzeichnet durch eine obsessive Beschäftigung mit einem eingebildeten oder tatsächlichen körperlichen Makel in der eigenen Person.

Häufig hat sie ihre Anfänge bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die unter Hautkrankheiten (bsp. Akne) leiden. Die Aufmerksamkeit kann sich aber auch auf die Nase, den Kopf, die Beine oder andere Körperteile beziehen.

Zu den Beschreibungsmerkmalen gehören das permanente Überprüfen der Entstellung, ein extremes Pflegeverhalten, der Wechsel zwischen intensivem Prüfverhalten oder der totalen Vermeidung des eigenen Anblicks.

Dysmorphophobie kommt relativ häufig vor. Dennoch gibt es bis heute keine genauen Angaben zu der Anzahl Betroffener. Es handelt sich um eine Erkrankung, die bei Vertretern beiderlei Geschlechter annähernd gleichermaßen auftritt.

Das Selbstwertgefühl hängt in der Folge bei diesen Menschen ausschließlich vom aktuellen Stand des Makels ab. Wichtige Entscheidungen werden davon abhängig gemacht, wie der Zustand ist.

Die zeitliche Auseinandersetzung mit dem Problem erreicht ein extensives Ausmaß. 35 % aller Betroffenen denken mehr als acht Stunden am Tag daran. Morgens gilt ihr erster Gedanke dem eigenen Anblick, abends grübeln sie vor dem Einschlafen darüber nach.

BDD kann ein bedenkliches Ausmaß erreichen. Betroffene können zu Selbstaggressionen neigen, die in der einfachen Form mit eigenen Therapieversuchen beginnen (bsp. Akne – die Pickel werden ausgedrückt, Medikamente zu stark dosiert). In schweren Fällen begehen Betroffene Selbstmord.

Sozialer Phobie
Oftmals wird die körperdysmorphe Störung begleitet von sozialer Phobie. Geht der Kranke auf die Straße, fühlt er sich angestarrt. Hier wird erkenntlich, daß die Störung an eine Wahnvorstellung grenzt, die sie aber in der Regel nicht ist.

In schlimmen Fällen trauen sich die Betroffenen gar nicht mehr aus dem Haus. Wenn ihr spezieller Makel ihnen gerade besonders auffällig erscheint, gehen sie nicht mehr zur Arbeit. Sie lassen sich krank schreiben, beobachten sich um so mehr.

Die Möglichkeit einer Therapie der Störung besteht zur Zeit aus der Gabe von besonderen Anti-Depressiva (Serotoninaufnahmehemmern). Zusätzlich kommt eine kognitive Verhaltenstherapie in Frage.

Betroffene jedoch glauben vielfach, daß die einzige Behandlungsmöglichkeit darin besteht, den Makel auf Dauer zu beseitigen.

Zur Zeit sind mir nur zwei Psychologen bekannt, die sich in Deutschland auf die Behandlung von Dysmorphophobie spezialisiert haben.

Es handelt sich um:
Dipl.-Psych. Regine Hungerbuehler und Dipl.-Psych. Dr. rer. nat. Ulrich Stangier.
Herr Dr. Stangier ist tätig an der
J.W. Goethe-Universität, Institut für Psychologie, Klinische Psychologie,
Postfach 111932,
60054 Frankfurt/Main,
Tel. 069/70795240 oder 069/798-22140, -28259.

Frau Hungerbuehler ist

zu erreichen unter: r.hungerbuehler@gmx.net.

Interview mit Dipl.-Psych. Regine Hungerbuehler zum Thema:

Dipl.-Psych. Regine Hungerbühler, bis vor kurzem tätig an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main in der Abteilung Klinische Psychologie. Seit 1997 beschäftigt sie sich mit der Körperdysmorphen Störung und schrieb auch ihre Diplomarbeit darüber.

Frau Hungerbühler, erst durch einen mehr zufälligen Kontakt zu einem Betroffenen habe ich vom Bild der Dysmorphophobie erfahren. Woran liegt es, daß diese Störung hierzulande praktisch unbekannt ist?

Die Störung ist bislang noch recht unbekannt, weil sich zum einen die Betroffenen nur selten in psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung begeben. Zum anderen schämen sie sich ihrer Symptome und sind der Überzeugung, ihre Probleme seien ausschließlich durch dermatologische oder plastisch-chirurgische Maßnahmen zu lösen. An psychische Faktoren wird hierbei nur selten gedacht.

Wenn sich die Patienten doch in eine Psychotherapie begeben, dann sind die Behandler meist mit der Therapie überfordert, da die Störung so unbekannt ist und bislang keine wissenschaftlich entwickelten Therapiemanuale existieren.

Erst seit wenigen Jahren haben sich Forscher, vor allem in Großbritannien und den USA, mit den Erscheinungsformen und der Therapie beschäftigt.

Durch welche Symptome ist Dysmorphophobie gekennzeichnet?

Die Personen fühlen sich durch einen Defekt, der für andere entweder gar nicht oder allenfalls minimal erkennbar ist, stark entstellt.

Diese Beeinträchtigung hat oft schwere Folgen: Aus Angst, andere könnten den Defekt erkennen und sie deshalb ablehnen, verlassen sie das Haus nur, wenn es absolut nötig ist, oder sie versuchen, den Defekt zu kaschieren (z.B. durch Make-up) und verwenden viel Zeit für diese Maßnahmen.

Sogenanntes Checking-Verhalten, beispielsweise Betrachten in Spiegeln, Schaufensterscheiben oder durch Betasten des betreffenden Körperteils, kann mehrere Stunden des Tages in Anspruch nehmen, welches eine geregelte Arbeit oft unmöglich macht.

Depressionen und starke Soziale Ängste begleiten häufig die körperdysmorphe Symptomatik. In Extremfällen, die ungefähr bei einem Prozent der Fälle vorkommen, ist Suizid die Folge.

Handelt es sich dabei um eine eigenständige Erkrankung oder geht sie mit anderen Störungen einher?

Nach heutigem Stand der Wissenschaft handelt es sich bei der Körperdysmorphen Störung um eine eigenständige Erkrankung, ist aber wahrscheinlich im Spektrum der Zwangsstörung angesiedelt. Das exzessive Überprüfen z.B. kann Zwangscharakter annehmen.

Außerdem empfinden Patienten mit Körperdysmorpher Störung ihre Handlungen als sinnvoll, während bei einer Zwangsstörung die Handlungen, z.B. exzessives Kontrollieren von Türen, von den Patienten selbst als sinnlos erlebt werden.

Während einer Depression kommen zwar manchmal auch Gefühle auf, mit dem eigenen Aussehen unzufrieden zu sein, diese erreichen aber in der Regel nicht das Ausmaß einer Körperdysmorphen Störung und sind durch die bestehende Depression erklärbar.

Welche Behandlung verspricht nach heutigem Kenntnisstand den größten Erfolg?

Die besten Ergebnisse wurden mit einer kognitiven Verhaltenstherapie erzielt. Hier wird kombiniert mit der Exposition des betreffenden Körperteils gearbeitet, sowie mit der Umstrukturierung negativer Gedanken. Der Aufmerksamkeitsfokus soll erweitert werden, so daß die Person sich nicht ausschließlich durch ihr Aussehen definiert und feststellt, daß andere Men-schen sie auch nicht nur darüber definieren.

Bei einer besonders schweren Symptomatik, starker beruflicher und sozialer Beeinträchtigung sowie starker depressiver Symptome, kann die Gabe von selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern sinnvoll sein. Diese können die Behandlung unterstützen, sollten aber keinesfalls als alleinige Methode angewandt werden, da sich nach Absetzen des Medikamentes in der Regel die ursprüngliche Symptomatik wieder einstellt.

Wie verläuft eine solche Behandlung?

Die Patienten werden dazu angehalten, Verhaltensweisen, wie z.B. Schminken, zu unterlassen und sich der Öffentlichkeit auszusetzen. Es werden Kriterien erarbeitet, anhand derer die Patienten erkennen können, ob sie abgelehnt werden. Die Reak-tionen der anderen Personen sollen genau beobachtet und somit die Hypothese überprüft werden, ob der Defekt tatsächlich bemerkt wird und die Umwelt negativ darauf reagiert. Ferner wird versucht, ein realistischeres Selbstbild zu entwickeln, und sich nicht ausschließlich über das Aussehen zu definieren.

Wie lange dauert die Behandlung?

Das ist unterschiedlich und hängt von der Schwere und Dauer der Symptomatik, der Therapiemotivation und der parallel bestehenden Probleme ab. Man sollte mindestens von Monaten ausgehen, aber die Behandlung kann auch ein bis zwei Jahre dauern.

Wie hoch ist die Erfolgsquote dieser Behandlung?

Da bislang noch nicht viele Studien durchgeführt werden, kann ich jetzt keine genauen Zahlen nennen. Im Vergleich zur rein medikamentösen Therapie ist die kognitive Verhaltenstherapie aber deutlich überlegen.

Bei den meisten Menschen kann eine deutliche Besserung erzielt werden, manchmal verschwinden die Symptome aber auch vollständig. Entscheidend ist die konsequente Mitarbeit der Patienten und Kompetenz des Therapeuten.

Frau Hungerbuehler, ich danke für das Interview.

Literatur aus dem Internet:

Aknetherapie Psychische Probleme in Verbindung mit dem eigenen Aussehen wegen Akne, Akne und Dysmorphophobie
Mentalhelp Body Dysmorphic Disorder (engl.)
Dr. Katharine A. Phillips When the mirror holds you captive
They think they're ugly: Treating a debilitating body-image disorder Dr. Katharine A. Phillips offers hope for sufferers of body dysmorphic disorder, a little-known disease in which people obsess about imagined flaws in their appearance. Antidepressants and cognitive-behavioral therapy may provide relief.
Kristen Lans When minor flaws loom large in the mirror (engl.)
The Secret Obsession The Secret Obsession; Body Dysmorphic Disorder by Katharine A Phillips (engl.)

Bücher zum Thema in englischer Sprache:

The Secret Obsession; Body Dysmorphic Disorder von Katharine A. Philips
The Broken Mirror – Understanding and Treating Body Dysmorphic Disorder von Katharine A. Philips

Von Astrid Krüger, erschienen in Gratisworld in der Abteilung spezial.

(c) Astrid Krüger

Ein Hinweis zum Urheberrecht: Sie sind herzlich eingeladen, meine Texte zu lesen. Zum privaten Gebrauch dürfen sie auch ausgedruckt, sowie Bekannten und Freuden zum Lesen gegeben werden.

Jegliche andere Verwendung, Veröffentlichungen, egal in welchem Medium oder der Verkauf, bedürfen allerdings meiner Zustimmung.


Dies ist ein Frame von www.astrid-krueger-medizin.de
Copyright © 2000 - 2012 Astrid Krüger. Alle Rechte vorbehalten

eye-print