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Iris und die Angst

Iris und die Angst

Panik, irrationale Angstzustände, die zu starken körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Herzrythmusstörungen, Atemnot, Hyperventilieren, Schweißausbrüchen und Übelkeit führen. Allein schon die körperlichen Symptome versetzen den ohnehin schon von Angst geplagten Menschen oft in eine direkte Todesangst und -ahnung, so dass er in seiner physischen wie psychischen Handlungsweise vollkommen gelähmt und hilflos ist. Viele Angstbetroffene verlassen nicht mehr das Haus oder können sich nicht alleine in geschlossenen Räumen aufhalten - die Angst wird zur Geisel ihres Lebens. Ein normaler Alltag wird oft unmöglich.

Iris, eine von Panikattacken betroffene junge Frau, erzählt ihre Geschichte. Sie hat geschafft, wovon viele Angstgeplagte träumen, sie hat ihre Angst überwunden, mit Hilfe einer neuen Therapieform.

Meine Geschichte hat natürlich genauso angefangen, wie bei jedem von euch, der weiß, was es heißt, unter Panikattacken zu leiden. Überraschend und völlig unverständlich hat mich die Panik/Angst vor ca. 11 Jahren ergriffen. Bis dahin war ich ein Optimist 1. Grades, immer "gut drauf", überall beliebt und auf keiner Party gefehlt!!

Damals bin ich nach einer ziemlich heftigen Silvesterfeier drei Tage körperlich krank gewesen und am 4. Tag war ES da. Ich wusste natürlich, wie ihr alle, nicht was mit mir los war und rannte bei jeder Beschwerde zum Arzt. Immer in Begleitung einer Freundin/Freund oder meiner Mutter, weil ich alleine nirgendwo mehr hin ging. Wie viele EKGs ich gemacht habe, kann ich nicht sagen. Wenn der eine Arzt nichts gefunden hat, bin ich eben beim nächsten Mal zu einein anderen gegangen. Ärzte gibt es ja überall genug!!!

Nichts wurde besser, alles nur immer schlimmer, bis ich noch nicht einmal mehr aus dem Haus gegangen bin. Im vierten Semester - Systemanalyse - wurde ich dann exmatrikuliert, weil ich keinen einzigen Schein in dem Seinester geschrieben hatte. Wie denn auch, wenn man nicht zur Uni geht!!?

Starke Depressionen bis zu Selbstmordgedanken, vor denen ich noch mehr Angst hatte, quälten mich und ich wusste, dass mir nur noch eine Therapie helfen könnte. Aber diesen Schritt zu gehen hatte ich ANGST. Mir wäre es nicht peinlich gewesen, dafür bin ich viel zu offen für alles ungewöhnliche, sondern Angst davor, dass ich feststellen könnte, ach der letzte Ausweg hilft mir doch nicht!

Deshalb schleppte ich mich ca. 2 Jahre damit durchs Leben und fing langsam an, dagegen zu arbeiten. Ich quälte mich absichtlich in Situationen, in denen die Symptome, auftreten würden, denn mir war klar, dass Vermeidung die Verstärkung der Angst bedeuten würde. Ich fuhr sogar alleine mit dem Auto zu einer 400 km entfernt wohnenden Freundin und fragte mich nach der Ankunft, wie ich wieder zurück kommen sollte. Aber ich schaffte es natürlich. Vor 7 Jahren dann, bin ich schwanger geworden.

Alles wurde etwas besser, obwohl ich alleine war und ich kam durch Zufall zu einem Hypnotiseur. Ich war ungefähr 10 Mal dort und bildete mir ein, es hat was geholfen. Ich hatte auch Angst, meine Gefühle auf mein ungeborenes Baby zu übertragen. Nach der Geburt hatte ich 6 Jahre "Ruhe". Zwar merkte ich, es fehlt ein Stück Lebensqualität, aber ich konnte damit umgehen und ein einigermaßen normales Leben führen.

Dann, letztes Jahr im Mai, wollte ich abends ins Bett gehen und ich bekam die heftigste Panikattacke, die ich je erlebt hatte und mit ihr die Angst, dass alles von vorne anfängt. Mir war klar, dass ich nun schnell handeln musste, denn inzwischen hatte ich 2 Kinder und einen lieben Freund und ich konnte mich dieses Mal nicht einfach "hängen" lassen, wie beim 1. Mal!

Durch Zufall bin ich an einen super Verhaltenstherapeuten geraten, der selber vor seinem Studium 7 Jahre lang unter Panik/Angst gelitten hat, und ich fühlte mich dadurch sicher und hoffnungsvoll.

Seit 14 Monaten mache ich nun eine Verhaltens- und Gesprächstherapie, was mir super gut tut. Ausschlaggebend für die Beseitigung meiner Panikattacken war eine Hyperventilationstherapie. Nach nur 5 Tagen waren die Panik und heftige Angst besiegt. Durch die Atemübungen und die genauen Aufklärungen der Abläufe in meinem Körper bei Angst habe ich das Schlimmste geschafft.

Natürlich bin ich noch nicht vollkommen wieder "hergestellt", denn Panik/Angst ist nicht mit einer Kurzzeittherapie oder gar Medikamenten beizukommen. So was wirkt auch nur "kurze Zeit"! Außerdem hätte ich logischerweise viel zu viel Angst vor Medikamenten, deren Wirkung ich nicht kenne!

Mein Therapeut praktiziert mit seinen Patienten neben Atem-, Verhaltens- und Gesprächstherapie eine aus den USA stammende Form der Therapie. Sie nennt sich EMDR, basiert auf der links/rechts Stimulierung des Gehirns, ähnlich, wie beim Schlafen, nur mit offenen Augen und ist leider wegen hoher Ausbildungskosten und Unwissenheit noch nicht oft bei Therapeuten anzutreffen. Statistisch hat diese Form des EMDR eine Erfolgsquote von 99 % und führt schneller zum gewünschten Ergebnis als normale Gesprächstherapien.

In meinen Augen ist es ratsam, bei Angst-/ Panikstörungen eine Verhaltenstherapie zu machen. Hier würde ein Analytiker oder Tiefentherapeut meiner Meinung nach nichts bewirken. Diese Therapien sind durch eine 15-jährige Studie mit 10 Patienten von einem Prof. als niederschmetternd erfolglos in allen Fällen belegt worden. Selbst Freud, Begründer der Analyse, hat schnell widerlegt, dass diese Therapieformen wirkungsvoll sind. In manchen Fällen richten sie sogar noch mehr Schaden an. Man sollte gründlich nach der für sich besten Therapieform suchen und ruhig möglichst viele Vorgespräche bei unterschiedlichen Therapeuten machen. Wenn man es überstürzt, kann man viel Zeit dabei verlieren...

Aber aufgeben und den Kopf hängen lassen sollte man nicht! Es ist einfach zu ärgerlich, wenn man darüber nachdenkt, dass wir jeden Tag damit verbringen , darauf zu warten tot umzufallen und wenn es dann in vielleicht 30, 40 oder 50 Jahren soweit ist, festzustellen, dass man eigentlich schon mit Beginn der Angst gestorben ist, weil man keinen Tag dazwischen genießen konnte.

Noch zum Schluss: Gefühle werden von Gedanken gelenkt und wenn der Gedanke verblasst, verblasst auch das Gefühl.

 

So schrieb es Iris vor einigen Monaten, heute freut sie sich:

 

"Die Angst ist überwunden"

Vor ein paar Tagen erst ist mir aufgefallen, dass die Angst bei mir weg ist. Ich habe schon seit längerem auf sie gewartet... in bestimmten Situationen oder wenn irgendetwas passiert ist... aber sie ließ sich nicht blicken.

Anfangs habe ich noch gedacht... na ja, hast sie halt gut unter Kontrolle... aber hab trotzdem jederzeit mit ihr gerechnet,.Aber jetzt ist mir bewusst geworden, dass sie noch nicht einmal mehr versucht zu kommen. Ich weiß nicht, wann es passiert ist, aber ich bin mir sicher, dass sie weg ist.

Vielleicht, weil ich weiß, warum sie gekommen ist und was sie eigentlich ist. Zu verstehen, wie die Symptome ausgelöst werden und zu wissen wie ich sie wieder wegbekomme... all das mag ein Grund dafür sein, dass ich mich jetzt angstfrei nennen kann. Hatte ja schon lange keine Angst mehr vor der Angst... hab immer öfter über sie gelacht, wenn sie kam... und so verschwand sie auch immer schneller wieder.

Denke aber, dass ich die Therapie trotz allem noch länger benötige... es ist viel an Gefühlen auf der Strecke geblieben. Ich weiß z.B. nicht mehr, wie ich Dinge oder Situationen genießen kann, suche noch die Freude in mir, wahrscheinlich alles Gefühle, die die Angst verdrängt hat, weil sie soviel Platz in Anspruch genommen hat.

Wir werden sehen... jetzt bin ich erst mal nur froh, wieder "normal" sein zu können. Wie du siehst, gibt es einen Weg ans der Angst... auch für Dich!!!

Nun sind ein paar Wochen ins Land gegangen in denen ich angstfrei bin. Kann mich jetzt schon nicht mehr richtig daran erinnern, wie das war, mit der Angst zu leben... Aber ich denke auch, dass sie etwas positives hatte... die Zeit mit der Angst. Ich habe viel über mich gelernt, bin tiefgründiger geworden und kann jetzt bewusster leben... und hab eine Menge lieber Menschen durch sie kennen gelernt! Vor allein hat sie mir auch gezeigt, auf wen ich mich in Notfall verlassen kann... weiß jetzt, wer meine wirklichen Freunde sind!

Nur hätte sie nicht 11 Jahre bleiben brauchen, um diese Veränderungen bei mir zu bewirken! Na ja, was soll's... die Zeit ist nicht zurück zu drehen!

Wieder sind zwei Monate um und ich kann mich immer noch angstfrei nennen... denke das gibt selbst Zweiflern Hoffnung!

Die Zeit der Angst verblasst immer mehr und die Erinnerung an sie wird nur durch den Kontakt mit Angsterkrankten aufrecht erhalten. Ich fühle mich so gut wie nie und genieße das Leben... mein Optimismus hat fast seinen Höhepunkt erreicht!!

Hm... also ich weiß jetzt echt nicht mehr, wie lange ich nun angstfrei bin... vielleicht sollte ich mal ein Datum dabei schreiben, zur Kontrolle!? Es müssten jetzt so rund 4,5 Monate sein... also heute ist der 12.11.!!

Ich bin zur Zeit tierisch krank... Erkältung mit Fieber und Magenkrämpfen! So was hat mich während meiner Angstzeit in Panik versetzt und da ich jetzt keine Panik habe, ist es ein Beweis mehr für mich, dass ich es geschafft habe.

In den letzten Monaten bin ich vielen Zweiflern begegnet... Menschen, die selber einmal geglaubt haben, die Angst los zu sein und bei denen es wieder kam! Seitdem habe ich immer das Gefühl, man glaubt mir nicht... man würde mich sogar bemitleiden, weil ich so sehr daran glaube! Deshalb schreib ich es in Abständen auch immer auf... um zu beweisen, dass es geht!!!

Iris


EMDR - vier unscheinbare Buchstaben - hinter denen sich ein Therapiekonzept aus der Psychotraumatologie verbirgt.

Das Verfahren, Eye Movement Desensitization and Reprocessing, wurde im Jahre 1989 von Dr. Francine Shapiro vom Mental Research Institut in Palo Alto (Kalifornien), mehr durch Zufall, entdeckt. Es wird erfolgreich eingesetzt bei Patienten mit Angstzuständen und nach Traumata. Unter bestimmten Umständen kann es auch bei anderen Angstformen helfen. Aber Vorsicht: Die EMDR-Behandlung eignet sich nicht für alle Betroffenen. Und die Therapeuten sollten eine bestimmte Ausbildung vorweisen können!

"Auf einem Spaziergang bemerkte sie (Dr. Francine Shapiro, Anm. der Verfasserin), dass wiederkehrende stark störende Gedanken, die mit ihrer Trennung zusammenhingen, plötzlich verschwanden und nicht wiederkamen. Sie fand den Grund dafür heraus: Ihre Augen hatten sich unwillkürlich häufig schnell hin und her bewegt, während die störenden Gedanken auftraten. Diese Gedanken schwanden und wenn sie sie freiwillig heranholte, waren sie nicht länger erregend/störend.",

Daraus entwickelte Dr. Shapiro das Konzept einer Serie voll Augenbewegungen, ähnlich den REM-Phasen während des Träumens, zunächst erprobt an Freunden, Bekannten und Kollegen und schließlich an den ersten Klienten.

Seit der ersten Veröffentlichung wurde dieses Verfahren intensiv erforscht. Heute gibt es hierzu mehr kontrollierte Studien über die Wirksamkeit, als über jede andere Methode der Traumatabehandlung.

Anwendung findet EMDR speziell bei Erkrankungen wie der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Einzeltraumatisierungen (z.B. durch Unfall, Vergewaltigung) oder auch bei komplexen Traumatisierungen in Kindheit oder Erwachsenenalter (z.B. bei Kriegsveteranen oder Missbrauchsopfern).

Zwischenzeitlich gibt es aber auch die ersten Versuche, Phobiker mit EMDR zu behandeln. Jedoch zeigen sich Ansätze dafür, dass bei bestehenden einzelnen Phobien eine Exposition in vivo EMDR vorzuziehen ist, obwohl durchaus Anzeichen dafür bestehen, dass es sinnvoll sein könnte, EMDR in die Behandlung zu integrieren, zum Beispiel dort, wo eine solche Therapie sehr teuer (Flugangst), schwer durchführbar (Angst vor Wirbelstürmen) oder sogar gefährlich (Angst vor Wespen) ist.

Wie EMDR genau funktioniert, welche Vorgänge dabei im Gehirn vorgehen, ist noch weitgehend unbekannt.

Bekannt ist jedoch, dass normalerweise Erlebnisse vom Verstand bearbeitet und abgespeichert werden. Ein Trauma jedoch überfordert die Verarbeitungsfähigkeiten des Gehirns. Dadurch kann es zu sogenannten Flashbacks oder intrusiven Gedanken kommen, des weiteren Ängsten, Schlafstörungen oder Alpträumen. Ein Auslösereiz genügt und das Erlebte wird immer und immer wieder durchlebt. Gefühle, Gerüche, Geräusche der Originalsituation sind so präsent, als wenn sie eben erst passieren würde.

Oftmals bekommt der Klient dadurch auch eine negative Einstellung zu sich selbst, das weitere Leben wird maßgeblich vom damaligen Ereignis bestimmt, das Trauma entsteht.

EMDR kann eine wirkungsvolle Hilfe dabei sein, Bilder und Gefühle, die mit dem Trauma assoziiert werden, zu desensibilisieren, die Gedanken, die mit dem Trauma in Verbindung gebracht werden, zum Positiven zu ändern. So kann EMDR die Blockade im Gehirn auflösen, den Heilungsprozess einleiten.

Skeptiker behaupten, das Trauma werde nur unterdrückt, könne irgendwann wieder aufleben. Deswegen wird in Studien zum Thema auch soviel Wert darauf gelegt, ehemalige Klienten nach längeren Zeiträumen erneut zu befragen. Die Erfolgsrate voll EMDR beim posttraumatischen Belastungssyndrom konnte dadurch auf 90 % festgelegt werden, der größte Teil der Klienten ist auch Jahre nach Behandlungsende noch beschwerdefrei und in der Lage ein normales Leben ohne jegliche Einschränkungen zu führen.

Für EMDR spricht auch, dass eine deutliche Besserung des Zustands zumeist innerhalb weniger Therapiesitzungen zu erreichen ist. Oftmals genügen 2 - 6, um dem Klienten den Leidensdruck zu nehmen und ihn in Kombination mit anderen tiefenpsychologischen Verfahren im weiteren Verlauf zu stabilisieren.

Eine wichtige Komponente nimmt EMDR bei der Behandlung traumatisierter Kinder ein. Diese sind oftmals aufgrund ihres Alters noch nicht ' in der Lage, genau über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen. Für sie kommt auch oftmals die Methode der Augenbewegungen nicht in Frage, so dass hier andere Formen bilateraler Stimulation (bsp. abwechselndes Klatschen mit der linken und rechten Hand) eingesetzt werden.

Die Erfolgsrate ist hoch, wie sich an einem Jungen zeigte, der dadurch traumatisiert worden war, dass er während einer Operation aus der Narkose erwachte. Monatelange Alpträume, Verhaltensauffälligkeiten brachten die Eltern an den Rand ihrer Nervenkraft. Die Therapie mit EMDR war so effektiv, dass nur zwei Sitzungen genügten, ihn in ein Kind zu verwandeln, dass den Schatten dieses Horrors hinter sich lassen konnte.

Dennoch sollte davor gewarnt werden, EMDR als Wundermittel einzustufen. Eine Behandlung darf und sollte nur von einem Therapeuten durchgeführt werden, der für Psychotherapie ausgebildet ist und an einem speziellen Training des EMDR-Instituts teilgenommen hat. Er wird zusammen mit Ihnen entscheiden, ob EMDR für Ihr spezielles Problem geeignet ist und gegebenenfalls in Kombination mit anderen Verfahren bei Ihnen anwenden.

Astrid Krüger

 

Aus "die strassen | zeitung" Ausgabe 1/2002
des Vereins (i.G.) "strassen gazette"

© 2002 Astrid Krüger
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