Astrid Krüger
Interview mit Käthy Favero, Betreiberin der Homepage http://www.engelskinder.ch zum Thema psychische Belastung bei einer Fehlgeburt
Käthy, Sie hatten bereits ein Kind, als Sie im Jahr 1998 wieder schwanger wurden. Gab es irgendwelche Schwierigkeiten oder Komplikationen während der ersten Schwangerschaft?
Während der ersten Schwangerschaft hatte ich circa ab der 24. Woche ein paar Wehen. Das konnte jedoch mit Magnesium behandelt werden. Celine, meine Tochter, kam dann in der 36. Schwangerschaftswoche ein wenig zu früh auf die Welt. Es war aber alles in bester Ordnung. Ansonsten waren keinerlei Komplikationen aufgetreten.
Bei Ihrer zweiten Schwangerschaft war zunächst alles in Ordnung. Wann fingen die Probleme an und wie äußerten sie sich? Was passierte dann?
Am 18.3.99, an meinem Geburtstag, war in meinem Bauch ein riesiges Turnfest. Das Kind strampelte den ganzen Tag extrem. Ich war damals in der 21. Schwangerschaftswoche.
Da bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Probleme aufgetreten waren, habe ich nur gedacht, dem Kind gehe es heute besonders gut. Am nächsten Tag, so gegen 16.00 Uhr, bemerkte ich, daß ich das Kind den ganzen Tag noch nicht gespürt hatte. Ich grübelte nach und sagte es niemandem. Am Abend, so dachte ich mir, würde ich es dann spüren, wenn ich liege, aber da war immer noch nichts.
Am nächsten Morgen ging ich ins Spital, um eine Kontrolle durchführen zu lassen. Die Hebamme machte ein CTG und hatte für circa 30 Sekunden Herztöne, nachher nichts mehr. Ich weiß bis heute nicht, was das war. Sie fand einfach nichts mehr und meinte, wir hätten ja etwas gehört. In der 21. Schwangerschaftswoche könne das schon mal vorkommen.
Ich ging glücklich nach Hause und hoffte auf ein Lebenszeichen von meinem Knirps. Am nächsten Tag habe ich nochmals im Spital angerufen, da ich immer noch nichts spürte. Die Hebamme meinte, ich solle noch einmal kommen, wenn ich mir solche Sorgen mache. Ich aber dachte, da ich sowieso am nächsten Tag einen Termin beim Frauenarzt hatte, gehe ich nicht hin, entweder es lebt noch oder nicht. Das wird auch morgen noch so sein.
Am nächsten Tag ging ich also zur Kontrolle und da sah ich, was ich eigentlich schon wußte. Mein Baby lebte nicht mehr. Es muß an diesem 18.3.99 um sein Leben gekämpft haben. Darum hat es so gestrampelt. Es hatte seine Nabelschnur viermal um den Hals gewickelt und kämpfte nun ums Überleben. Den Kampf hat mein Sohn leider verloren. Die Geburt wurde sofort eingeleitet und am 23.3.99 kam unser Sohn David dann still auf die Welt.
Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen? In welchem psychischen Zustand befanden Sie sich, Ihr Mann, die Familie?
Ich war immer sehr gefaßt, so glaubte ich und alle anderen. Ich habe alles so genommen wie es war. Irgendwie habe ich mich geschützt vor meinen Gefühlen. Es war die Hölle eigentlich, das weiß ich aber erst heute.
Mein Umfeld und die Verwandten reagierten mit viel, viel Trauer. Mein Mann war einfach still und tat sein Bestes, mich zu unterstützen. Ich war wie in Trance, in einem Traum, einem schlechten Film oder so. Ich war gar nicht ganz da, aber ganz cool.
Wenn ich den Erfahrungsbericht auf Ihrer Website im Internet richtig verstanden habe, haben Sie sich damals entschieden, das Kind nach der Fehlgeburt nicht mehr zu sehen und es auch nicht zu beerdigen. Empfinden Sie diesen Entschluß auch heute noch als richtig oder würden Sie anders entscheiden? War die Zeitspanne, in der Sie einen solchen Entschluß treffen mußten eventuell zu kurz?
Wir hatten 24 Stunden Zeit zu überlegen, ob wir eine Beerdigung wollten und ob ich das Kind doch noch sehen wollte. Mein Mann wurde von meinem Frauenarzt einfach mitgenommen, um den Kleinen zu sehen. Das war gut so.
Ich selber hatte solche Angst. Die Hebamme hätte versuchen müssen, mir diese zu nehmen und mich nach der Geburt noch einmal darauf ansprechen sollen, ob ich wirklich nicht will. Er wurde ganz schnell in einem grünen Tuch aus dem Raum gebracht. Danach habe ich den Mut leider nicht mehr gefunden und niemand hat mich nochmals dazu ermuntert. Leider!!!!!!!!
Nach circa drei Tagen hatte ich den Drang, meinen Sohn noch zu sehen und ihn zu beerdigen. Mein Mann bekam die Auskunft, er sei jetzt schon "entsorgt". Das war sehr hart. Ich bereue es heute noch sehr, sehr, sehr.
Ich habe keinen Platz, zu dem ich gehen kann. Ich habe ihn nie gesehen, ich habe ihn einfach gehen lassen, ohne mich zu verabschieden. Das ist heute noch der große Schmerz in mir und ich habe deshalb ein schlechtes Gewissen. Ich würde es heute ganz anders machen. 24 Stunden sind viel zu kurz. Ich hätte drei Tage gebraucht.
Ich habe von einer Studie in Amerika gehört die besagt, eine Frau brauche so lange für die Entscheidung, wie die Schwangerschaft noch gedauert hätte. Hätte ich die Asche von dem Kleinen, hätte ich mich auch zu einem späteren Zeitpunkt noch für ein Grab entscheiden können. Es wäre besser, all die kleinen Sternenkinder zu verbrennen und die Asche noch aufzubewahren, bis die Eltern soweit sind. Auch sollte die Mutter ermuntert werden, das Kind zu sehen und sich zu verabschieden. Eine Woche oder so sollte es aufbewahrt werden.
Wie wurden Sie während Ihrer Zeit im Krankenhaus und auch danach betreut? Hatten Sie einen psychologischen Beistand, der Ihnen geholfen hat, die Situation zu begreifen und mit ihr umzugehen?
Im Spital hatte ich keine Unterstützung. Ich wurde einfach medizinisch behandelt, sonst nichts. Mir wurde in keiner Weise psychisch geholfen, gar nicht. Ich wurde nach drei Tagen als gesund entlassen, ohne mir einen Büchertip oder eine Adresse von einer Selbsthilfegruppe zu geben. Ich dachte, nur mir sei dies passiert und ich sei ganz alleine. Ich wußte nicht, daß es Bücher gibt und Websites zu diesem Thema, ich wußte nicht, daß es viele Frauen mit dem gleichen Schicksal gibt.
Was würden Sie sich selbst und jeder anderen Frau wünschen, die eine Fehlgeburt erlebt in bezug auf Betreuung, ärztliche Aufklärung oder Unterstützung durch Familie, Freunde und Selbsthilfegruppe?
Ich wünschte mir, daß die Frauen besser betreut werden, mehr Zeit bekommen, mehr Hilfestellung und keine dummen Kommentare wie: du bist ja noch jung, du hast ja schon eins, es war halt nicht gesund und so.
Man sollte den Frauen einfach zeigen, ich bin für dich da und zwar auch über Jahre hinweg, nicht nur ein paar Wochen. Dieser Prozeß dauert Jahre. Man sollte den Frauen helfen, sich vom Kind zu verabschieden. Die Gesetze sollten jedes Kind, egal welcher Schwangerschaftswoche, als Menschen akzeptieren! Das Kind sollte immer beigesetzt werden oder kremiert, damit man die Asche hat. Man könnte es sonst bereuen, wenn es zu spät ist.
Käthy, könnten Sie sich vorstellen, noch einmal schwanger zu werden? Beeinflußt Sie dieses Erlebnis in bezug auf die Entscheidung, ob Sie noch einmal in Ihrem Leben ein Kind möchten, eine Schwangerschaft erleben?
Für mich war zu dem Zeitpunkt, als ich erfahren habe, daß David nicht mehr lebt, klar, daß ich so schnell wie möglich wieder schwanger werden möchte. Kein Ersatzkind, aber eine Ersatzschwangerschaft, denke ich heute.
Da ich immer schnell schwanger wurde, war das ein großer Trost in dem Moment. Viele Frauen brauchen ein Jahr, meinte mein Arzt. Danach dachte ich jeden Monat schwanger zu sein, aber nichts - 17 Monate lang. Ich kam in ein Tief, zuerst das Kind zu verlieren und nachher so lange warten zu müssen. Ich hatte jetzt zwei Probleme, die Trauer und die Ungeduld.
Im April 2000 eröffnete ich die Homepage "Engelskinder" (http://www.engelskinder.ch). Einen Monat später war ich schwanger. Heute denke ich diese Homepage war der Abschluß. Vorher konnte ich nicht schwanger werden, da war noch etwas. Aber als die Homepage stand, wurde ich schwanger.
Die Angst war von der ersten Sekunde an da und blieb die ganze Schwangerschaft über. Ich war auch einmal zur Kontrolle, als ich das Kleine wieder so heftig spürte.
Am 23. Januar 2001 habe ich meine Rahel per Kaiserschnitt gesund entbunden. Als ich sie das erste Mal schreien hörte, weinte ich vor Glück und aus Trauer, Trauer um David. Es kam alles wieder hoch. Ungefähr drei Wochen lang habe ich jeden Tag immer wieder an David gedacht und mußte weinen. Freud und Leid waren da.
Jetzt ist es wieder gut und ich erfreue mich an meiner Rahel und meiner vierjährigen Tochter Celine.
Käthy, danke für das Interview.
(c) Astrid Krüger
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