Astrid Krüger

Interview zum Thema paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien (SVT) Herrn PD Dr. Marcus Hennersdorf

Wenn jemand über Herzrhythmusstörungen klagt, dazu von Zeit zu Zeit Herzrasen bekommt und mit diesem Beschwerdebild einen Arzt konsultiert, werden zumeist routinemäßig gewisse Untersuchungen angesetzt. Dazu gehören EKG, Belastungs-EKG, Langzeit-EKG und Ultraschall.

Bleiben diese Untersuchungen ohne jeglichen Befund, werden die Beschwerden oft vorschnell als psychisch bedingt abgetan und als Panikstörung diagnostiziert. Doch nicht jede Art von Herzrasen, die nicht durch herkömmliche Untersuchungsmethoden abgeklärt werden kann, ist psychisch bedingt. Es gibt auch relativ seltene Herzerkrankungen oder -anomalien, die nur durch eine weitergehende diagnostische Abklärung entdeckt und zumeist erfolgreich behandelt werden können. Dazu gehören u.a. das verborgene WPW-Syndrom oder die AV-Knoten-Reentry Tachykardie, die unter dem Sammelbegriff der paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien (SVT) zusammengefaßt werden.

Spezialisten an Universitätskliniken und in Herzzentren ist es bereits im Vorfeld möglich mittels einer Ausschlußdiagnostik den Unterschied zwischen Panikstörung und SVT eindeutig herauszuarbeiten und so klarzustellen welche Patienten für eine erfolgreiche invasive Behandlung in Frage kommen.

Zu diesem Thema finden Sie hier ein Interview mit Herrn PD Dr. Marcus Hennersdorf, Oberarzt im Universitätsklinikum Düsseldorf, Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie.

 

Herr Dr. Hennersdorf, wie oft kommen Patienten zu Ihnen in die Uniklinik, die über paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien (SVT) klagen?

In unsere Ambulanzen kommen ca. drei Patienten pro Woche, die über Herzrasen klagen und/oder bereits im Elektrokardiogramm (EKG) aufgezeichnete supraventrikuläre Tachykardien haben.

Welche Symptome stehen dabei in der Regel im Vordergrund?

Im Vordergrund stehen bei diesen Patienten episodisch auftretendes Herzrasen, aber auch Herzklopfen. Manche verspüren Schwindel, in einigen Fällen kann das Herzrasen sogar zu einer (kurzzeitigen) Ohnmacht führen. Dies zeigt dann aber auch eine erhöhte Gefährdung des betroffenen Patienten an. Solche Patienten müssen rasch stationär aufgenommen und einer weiteren Diagnostik und Therapie zugeführt werden.

Wie lange sind diese Patienten zumeist schon in Behandlung, bevor sie in der Uniklinik vorstellig werden?

Dies kommt auf die Erkennung der Herzrhythmusstörung an. Bei einigen Patienten gelingt die EKG-Aufzeichnung der Herzrhythmusstörungen nicht, da beim Arztbesuch diese bereits wieder aufgehört haben und ein normaler Herzrhythmus besteht. Dann kann eine bereits monate- oder jahrelange Behandlung der Vorstellung in der Uniklinik vorangehen. Sind die Herzrhythmusstörungen aber einmal aufgezeichnet und damit objektiviert, werden die Patienten zur baldigen Therapie innerhalb weniger Wochen überwiesen.

Wie sah ihre bisherige Therapie aus?

Viele Patienten werden bis zu einer Vorstellung bei uns bereits mit auf den Herzrhythmus wirkenden Medikamenten behandelt. Dazu zählen Betablocker, Kalziumantagonisten oder andere Medikamente. Das Hauptproblem dieser Medikamente ist aber einerseits, dass sie meist nicht ausreichend gegen diese Herzrhythmusstörungen wirken oder aber Nebenwirkungen entfalten, die zum Absetzen der Therapie führen. Manche Patienten werden aber auch psychosomatisch behandelt, da mangels Aufzeichnung der Herzrhythmusstörungen andere (nicht herzbedingte) Ursachen vermutet werden.

Was ist das typische Alter für das erste Auftreten dieser Anfälle?

Typischerweise treten solche Anfälle im Alter von ca. 20 Jahren erstmals auf. Oft nehmen sie dann mit zunehmendem Alter an Häufigkeit und Dauer zu. Bei einigen Patienten treten sie aber auch erst mit 30 oder 40 Jahren auf. Sehr selten haben Menschen mit über 60 Jahren diese Form der Herzrhythmusstörungen. Wird von diesen Herzrasen beklagt, handelt es sich meist um andere Formen und damit auch andere Ursachen von Herzrasen.

Wie häufig sind SVT?

In Zahlen ist das schwer anzugeben. Aber Patienten mit nachgewiesenen SVT kommen häufig in unsere ambulante und stationäre Behandlung.

Welche unterschiedlichen Formen von SVT gibt es?

SVT stellen Herzrhythmusstörungen dar, die die Vorhöfe des Herzens mit einbeziehen. Dabei können solche Arrhythmien ihren Ursprung in Herden (sog. Foci) haben, die sowohl im rechten und linken Vorhof bestehen können und phasenweise einen schnellen Herzschlag bedingen, so dass Herzrasen resultiert (ektope atriale Tachykardien). Die andere häufige Form sind sog. Reentry-Tachykardien, bei denen die elektrische Erregung, die für einen normalen Herzschlag notwendig ist, zwischen Vorhof und Hauptkammer kreist und so einen schnellen Herzschlag produziert. Dieses Kreisen ("Reentry") beruht auf einer Kurzschlussverbindung zwischen Vorhof und Hauptkammer. Solch eine "Bahn" charakterisiert das sog. WPW-Syndrom (Wolff-Parkinson-White-Syndrom). Diese kann prinzipiell irgendwo im Bereich der rechten oder linken Herzhälfte sein, aber auch in der Nähe des sog. AV-Knotens, der die Struktur im Herzen darstellt, die zur normalen (elektrischen) Verbindung zwischen Vorhof und Hauptkammer unbedingt notwendig ist. Eine Sonderform stellt die sog. AV-Knoten-Reentry-Tachykardie (AVNRT) dar, bei der dieser Kurzschluss einen Teil des AV-Knotens darstellt.

Neben diesen (angeborenen) Veränderungen, wie den Kurzschlussverbindungen beim WPW-Syndrom, ist es wichtig, auch über andere Herzerkrankungen als Ursache von Herzrhythmusstörungen nachzudenken. So findet man z. B. die o.g. ektopen atrialen Tachykardien häufig bei Menschen mit einem Bluthochdruck oder Herzmuskelerkrankungen. Eine grundlegende kardiale Diagnostik ist also neben dem Fahnden nach Herzrhythmusstörungen zusätzlich notwendig, um eine evtl. bestehende Herzerkrankung auch direkt und nicht nur deren Folge (die Herzrhythmusstörungen) zu behandeln.

Jetzt ist es gar nicht so selten, daß parosysmale supraventrikuläre Tachykardien als Panikstörung fehldiagnostiziert werden. Wie kommt es dazu?

Wie oben gesagt, gelingt nicht immer die Aufzeichnung von Herzrhythmusstörungen, da diese sich häufig bereits von selbst beendet haben. Meist kann man dann die Arrhyhtmie nicht diagnostizieren, so dass an andere Herzrasen verursachende Möglichkeiten gedacht wird. Dies könnte z. B. eine Panikstörung sein.

Was unterscheidet Panikattacken eindeutig von SVT?

Eindeutig nur das Aufzeichnen der Herzrhythmusstörungen während des Anfalls.

Wie häufig kommt es zu einer solchen Fehldiagnose?

Solch eine Fehldiagnose kommt insgesamt selten vor. Häufiger ist es, dass die Rhythmusstörung einfach nicht ernst genommen wird und die Patienten so z. T. jahrelang unter Herzrasen leiden, ohne dass die Diagnose gestellt werden kann und die entsprechende Therapie eingeleitet werden kann.

Welche weitergehenden Diagnosemöglichkeiten außer EKG, Belastungs-EKG, Langzeit-EKG und Ultraschall gibt es noch, um die Diagnose zu festigen?

Neben den genannten Möglichkeiten gibt es die Möglichkeit der Herzkatheteruntesuchung. Dabei werden dünne Katheter von der rechten oder linken Leiste in das Herz eingeführt. Diese werden im rechten Vorhof und in der rechten Hauptkammer sowie am AV-Knoten (der elektrischen Verbindung zwischen Vorhof und Hauptkammer) platziert. Über diese Katheter kann man das EKG sozusagen von innen ableiten und auch, wie über einen Schrittmacher, das Herz schneller schlagen lassen. Man kann dann auch i.d.R. die Herzryhthmusstörung auslösen und durch die im Herzen liegenden Katheter die sichere Diagnose stellen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Neben den (meist auf lange Sicht erfolglosen) medikamentösen Therapieverfahren steht die Möglichkeit der Hochfrequenz-Katheterablation zur Verfügung. Dabei wird ein weitere Katheter in das Herz eingeführt und an die Stelle gebracht, die für die Ursache der Arrhythmie verantwortlich ist (beispielsweise an die Kurzschlussverbindung). Durch Wärmeentwicklung an der Katheterspitze (bis zu 55-60°C) wird dann diese Bahn verschorft, und damit die Ursache der Herzrhythmusstörungen beseitigt. Man nennt diesen Vorgang "Ablation".

Welchen Patienten würden Sie auf jeden Fall zu einer Therapie raten?

Auf jeden Fall sollten Patienten mit im EKG nachgewiesenen Tachykardien und entsprechenden Beschwerden (Herzrasen) einer solchen Therapie zugeführt werden, insbesondere, wenn medikamentöse Therapieversuche bereits fehlgeschlagen sind.

Wie hoch ist die Erfolgsquote einer solchen Behandlung?

Die Erfolgsrate bei den genannten supraventrikulären Tachykardien liegt in erfahrenen Zentren bei über 90%.

Das ist ein sehr hoher Faktor. Dennoch gibt es Rezidive. Aus welchen Gründen kann es dazu kommen?

Einerseits kann es durch Heilungsvorgänge dazu kommen, dass eine bereits verschorfte (abladierte) Leitungsbahn wieder funktionsfähig wird, andererseits kann die erste Ablationsbehandlung, möglicherweise aufgrund einer schwierig aufzufindenden Bahn, nur partiell erfolgreich gewesen sein, so dass Reste der Bahn bestehen geblieben sind und damit Rezidive auftreten können. Dann wäre eine zweite Untersuchung sinnvoll.

Wie sieht das Leben des Patienten nach erfolgreicher Ablation aus. Muß er Medikamente nehmen, irgendwelche Verhaltensregeln befolgen, regelmäßige Untersuchungen durchführen lassen?

Nach einer erfolgreichen Ablation sollte eine Zeit lang (i.d.R. drei Monate) noch eine geringe Dosis Acetylsalicylsäure (ASS 100 mg) eingenommen werden. Medikamente zur Rhythmusbehandlung sind nicht mehr erforderlich. Manche Patienten verspüren dennoch Rhythmusstörungen, die sich jedoch meist nicht als Rezidiv, sondern als eine zweite, dann meist medikamentös behandelbare, Herzrhythmusstörung herausstellen.

Besondere Verhaltensregeln sind nicht notwendig. Die Behandlung wird ja dazu durchgeführt, um ein normales Leben bei guter Lebensqualität und normaler Leistungsfähigkeit zu ermöglichen.

EKG-Kontrollen und Langzeit-EKG-Kontrollen sind in langfristigen Abständen zur Erfolgskontrolle sinnvoll.

Haben Sie Langzeitbeobachtungen wie es den Patienten im weiteren Verlauf ergeht?

In Langzeitbeobachtungen sind über 90% der Patienten nach erfolgreicher Ablation einer zusätzlichen Leitungsbahn (WPW-Syndrom oder auch AVNRT) langfristig frei von Herzrhythmusstörungen.

Besten Dank für dieses Interview!

 

(c) Astrid Krüger

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