Nosophobie - die Angst vor Krankheiten

Madeleine, 25 Jahre, verheiratet, keine Kinder, berufstätig, aus der Schweiz

Schon als Kind hatte ich oftmals starke Angstzustände und "mußte" zum Psychologen. Damals ging man davon aus, dass ich übergroße Verlustängste hätte, da meine Eltern geschieden waren und ich mit meiner Mutter alleine lebte.

Diese Verlustängste, die ich heute als Panikattacken analysieren kann, bezogen sich vor allem darauf, dass ich entführt werden könnte und meine Mutter nie wiedersehen würde.

Mit 16 Jahren sah ich den Film "Der Exorzist". Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits mit Angstattacken zu kämpfen, da ich der Meinung war, ebenfalls vom Teufel besessen zu sein. Dadurch fand ich Bezug zu "Reiki" (Anmerkung der Autorin: einer fernöstlichen Behandlungsmethode durch Energieübertragung).

Vor vier Jahren spitzte sich meine Situation zu. Im August 1996 trat ich eine neue Arbeitsstelle an, mit der ich vollkommen überfordert war. Über Monate hinweg arbeitete ich täglich neun bis zwölf Stunden, oftmals sogar samstags. Zusätzlich besuchte ich eine Weiterbildungsveranstaltung. Kam ich abends nach Hause, schlief ich zumeist vor dem Fernseher ein.

Als die Weihnachtsferien anfingen, freute ich mich darauf, mehr Zeit für meinen Mann (damals noch Freund) zu haben.

Heiligabend folgten wir einer Einladung meiner Mutter zum Essen. Ich verspürte starke Seitenstiche auf der rechten Seite und war fest davon überzeugt, eine Blinddarmentzündung zu haben und ins Krankenhaus zu müssen. Meine Mutter und mein Freund versuchten beide, mich zu beruhigen und meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken, dass es sich auch um etwas anderes, beispielsweise eine Eierstockentzündung, handeln könnte.

In der Zeit vom 25. bis zum 30. Dezember verspürte ich immer wieder Schmerzen in diesem Bereich. Daher entschloß ich mich am 30. meine Frauenärztin zu konsultieren. Sie war nicht allzu sehr davon angetan, mich so spät am Abend zu sehen und brachte dies deutlich zum Ausdruck.

Ihre Untersuchung war sehr flüchtig und bestand aus bloßem Abtasten meines Unterleibs. Ohne Urin- oder Blutprobe kam sie zu dem Ergebnis, dass ich mir den Unterleib erkältet hätte und verschrieb ein Antibiotikum. Natürlich las ich mir die Packungsbeilage genau durch und mir wurde unwohl bei dem Gedanken an mögliche Nebenwirkungen.

Wie bei mir üblich, reagierte ich ausgesprochen heftig auf das Medikament. Durchfall war noch eine der mildesten Erscheinungen, die ich hatte. Den Silvesterabend, den wir bei einem größeren Fest zubrachten, konnte ich kaum genießen. Immer wieder dachte ich darüber nach, ob es sich nicht doch um eine Blinddarmentzündung handeln könnte.

Da die meisten Ärzte erst ab dem 5. Januar 1997 wieder zu erreichen waren, drehten sich meine Gedanken im Kreis. Auch in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar konnte ich kaum schlafen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Ich war felsenfest davon überzeugt, nicht mehr aufzuwachen. Dabei empfand ich großes Mitleid mit meinem Mann bei dem Gedanken, dass er am nächsten Morgen aufwachen würde und ich läge tot neben ihm. Panik!!!

Am 2. Januar telefonierte ich mit dem diensthabenden Arzt und konnte ihn schon eine Stunde später in seiner Praxis aufsuchen. Nach Blutabnahme und Urinprobe fand er keinen Hinweis auf eine Erkrankung. Er teilte mir nur mit, dass ich das Antibiotikum sofort absetzen solle, da es bekannt sei für Nebenwirkungen und es keinen Grund gäbe, es einzunehmen.

Jetzt war es an mir, bis zum 5. Januar abzuwarten, um dann meinen Hausarzt zu konsultieren, zu dem ich großes Vertrauen habe. Zusätzlich mußte ich an diesem Tag meine Arbeit wieder antreten und hoffte, mich hierdurch abzulenken. Soweit kam es jedoch nicht.

In der Nacht vom 4. zum 5. Januar verspürte ich ein starkes Ziehen im linken Arm und mein ganzer Brustkorb schmerzte. Natürlich dachte ich sofort an einen Herzinfarkt. Mein Mann brachte mich in die Notaufnahme einer Klinik. Da ich hysterisch weinte und immer von der Angst sprach, nie mehr nach Hause zu kommen, durchschaute die diensthabende Ärztin die Situation. Von ihr bekam ich ein Schlafmittel und wurde in ein privates Krankenzimmer gelegt.

Mein Mann blieb die ganze Zeit bei mir, als am nächsten Tag alle möglichen Untersuchungen durchgeführt wurden. Ich hatte sehr viel Angst vor dem Ergebnis, aber alles war in bester Ordnung. Als ich mich erkundigte, ob auch ein Aidstest gemacht worden wäre, wurde dies verneint.

Danach wollte ich das Krankenhaus schnellstmöglich verlassen. Die Ärztin ließ mich jedoch erst gehen, nachdem sie für mich einen Termin mit einem Psychiater vereinbart hatte, da ich unbedingt Medikamente gegen die Ängste einnehmen wollte. Danach konnten wir das Krankenhaus verlassen.

Doch schon am Abend hatte ich die nächste Panikattacke. Dabei dachte ich wieder an die Möglichkeit einer Aidserkrankung, da alles andere bereits ausgeschlossen worden war. Außerdem ließ mich der Gedanke an einen Herzinfarkt nicht los, da schließlich eine anstrengende Phase hinter mir lag. Also rief ich den Arzt an, der den Notdienst versah. Nachdem er sich im Krankenhaus nach meiner Situation erkundigt hatte, verschrieb er mir ein Beruhigungsmittel, das ich mir aus der Apotheke holen konnte.

Am 6. Januar konsultierte ich sowohl den Psychiater als auch meinen Hausarzt. Der nahm sich viel Zeit für meine Situation und untersuchte mich nochmals genau, um mir so ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Er veranlaßte auch den Aidstest, nachdem ich ihn darum bat. Der Psychiater war mir nicht allzu sympathisch. Da ich keine Alternative hatte, mußte ich jedoch mit ihm vorlieb nehmen.

In den folgenden Tagen wechselten sich Besuche bei Psychiater und Hausarzt ab. Fast täglich ging ich zu ihnen, weil ich glaubte, irgend eine neue Krankheit entdeckt zu haben.

Hatte ich eine Beule am Kopf, glaubte ich an einen Hirntumor. Hatte ich Schmerzen im Rücken, konnte das meiner Ansicht nach nur von einem Rückentumor oder einem Herzinfarkt kommen. Geschwollene Lymphknoten am Hals deuteten für mich auf Lymphdrüsenkrebs, blaue Flecken auf Leukämie, Schmerzen in den Beinen auf Thrombose mit anschließender Lungenembolie. Das Herzrasen, der Schwindel, die Atemnot, die ich vor Angst andauernd hatte, deuteten selbstverständlich auch auf Herzinfarkt, Hirntumor oder darauf, dass ich kurz vor dem Ersticken stand.

Meine Phantasie war grenzenlos. Nichts konnte ich mehr genießen. Jeden Augenblick verbrachte ich in der Angst, dass es mein letzter sein würde.

Mein Hausarzt verfügte über eine unendliche Geduld mir gegenüber. Immer wieder nahm er sich Zeit und untersuchte mich gründlich, auch an Samstagen.

Besonders schlimm fühlte ich mich an Sonn- und Feiertagen. Da wußte ich genau, dass kein Arzt verfügbar war. Auch ein Skiurlaub im Februar war die Hölle für mich. Zwar verschrieb mir der Psychiater ein Medikament, aber die Angst war und blieb mein ständiger Begleiter.

Als besonders schlimm empfand ich, dass es in unserem Ferienort keinen Arzt gab. Meist weinte ich abends vor lauter Angst, weil ich glaubte, ich würde nie wieder aufwachen. Ich war fest davon überzeugt, dass mein Herz diese Strapazen nicht überstehen würde.

Die Sitzungen beim Psychiater waren wenig hilfreich. Er suchte die Ursachen in meiner unschönen Kindheit. Letztendlich schreckte er sogar nicht davor zurück, den Hintergrund in meiner bevorstehenden Heirat im September zu suchen. Dabei war sie das einzige, das mich motivierte, noch an mir zu arbeiten. Wenn ich meinen Mann in dieser Zeit nicht gehabt hätte...

In der Firma wußte und weiß bis heute niemand Bescheid über meine Erkrankung. Mein Arzt attestierte mir eine sehr schwere Grippe mit langer Rekonvaleszenzzeit.

Meine Familie unterstützte mich, wo sie nur konnte. Alle gingen sehr einfühlsam mit mir um, obwohl ich mir sicher bin, dass niemand, der das nicht erlebt hat, es verstehen kann.

Mein Zustand besserte sich erst, als ich anfing, mit einer Kinesiologin zu arbeiten. Sie ging sehr einfühlsam mit mir um. Außerdem konnte ich sie jederzeit erreichen, wenn ich mich schlecht fühlte.

Ein weiteres Argument für mich war aber auch der Preis der Sitzungen. Hier mußte ich deutlich weniger bezahlen als beim Psychiater. Vor allem fühlte ich mich von ihm unverstanden. Erinnerungen wurden nach vorne geholt und dann mußte ich alleine mit ihnen klarkommen.

Die kinesiologische Therapie machte ich bis Februar 98, also circa ein Jahr lang. Meine Hochzeit und die anschließenden Flitterwochen verliefen gut.

Noch heute kämpfe ich mit meiner Nosophobie. Aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen. Jetzt kontrolliere ich die Angst und nicht die Angst mich. Das ist ganz wichtig.

Momentan kämpfe ich mit Brustschmerzen und leite daraus eine mögliche Brustkrebserkrankung ab.

In der kinesiologischen Therapie habe ich auch gelernt "meine esoterische / spirituelle Seite" auszuleben. Ich glaube fest an Engel und höhere Wesen! Das gibt mir ganz viel Kraft!

Oft frage ich mich, wie ich mich verhalten würde, wenn wirklich eines Tages der Tag kommt, aber das tut mir gar nicht gut. Also lasse ich es lieber und konzentriere mich auf die Gegenwart.

Es hat mir sehr gut getan, meine Geschichte hier aufzuschreiben. Während der ganzen Zeit habe ich Tagebuch geführt. Immer hatte ich dabei die Angst, dass das meine letzte Tat sein würde. Zum Glück ist es damit jetzt vorbei.

(c) Astrid Krüger

Ein Hinweis zum Urheberrecht: Sie sind herzlich eingeladen, meine Texte zu lesen. Zum privaten Gebrauch dürfen sie auch ausgedruckt, sowie Bekannten und Freuden zum Lesen gegeben werden.

Jegliche andere Verwendung, Veröffentlichungen, egal in welchem Medium oder der Verkauf, bedürfen allerdings meiner Zustimmung.

Dies ist ein Frame von www.astrid-krueger-medizin.de
Copyright © 2000 - 2012Astrid Krüger. Alle Rechte vorbehalten

eye-print