Astrid Krüger
Interview mit Dr. Angela May von der Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention & Prophylaxe e.V.
Frau Dr. May hat nach dem Abitur in Berlin die Fächer Biologie und Sport auf Lehramt studiert. Schon damals hat sie großes Interesse an pädagogischen und psychologischen Fragestellungen entwickelt. Nach dem Studium wurde sie Lehrerin und bekam sehr schnell den "Job" als "Drogenkontaktlehrerin" der Schule, wie es damals noch genannt wurde.
In diesem Zusammenhang kam sie mit sehr vielen Problemlagen von Kindern und Jugendlichen in Kontakt und musste Lösungsangebote entwickeln, sollten die Kinder nicht in dem begonnenen Drogenkonsum versinken. Sie besuchte viele Fortbildungen und schließlich einen Ausbildungskurs zur Multiplikatorin für Suchtprophylaxe.
Als ihr klar wurde, dass Suchtgefährdungen in engem Zusammenhang mit (sexualisierter) Gewalt an Kindern und Jugendlichen stehen, wurde dies ihr spezifischer Schwerpunkt und sie qualifizierte sich besonders in diesem Bereich, bot seit 1992 Fortbildungen für LehrerInnen an und promovierte 1997 in diesem Fachgebiet. Ende 1998 gründete sie dann die Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention & Prophylaxe e.V.
Frau Dr. May, wie kommen Sie persönlich dazu sich besonders dem Thema "Gewalt gegen Kinder" bzw. "sexualisierte Gewalt" zu widmen?
Als mir klar wurde, wie viele Kinder und Jugendliche von (sexualisierter) Gewalt betroffen sind und welche Folgen das nach sich ziehen kann, wurde mir klar, dass wir nicht an den Symptomen herumlaborieren sollten, sondern an die Wurzel herangehen müssen. Die Wurzel der (sexualisierten) Gewalt gegen Kinder sind einerseits der mangelnde Respekt vor Kindern, andererseits sind viele Kinder Kompensationsflächen für selbsterlebte Frustrationen der Erwachsenen und in der Menschenhierarchie stehen sie ganz unten.
Da unsere Gesellschaft noch immer nicht allen Menschen gleiche Rechte und Chancen einräumt, stehen Frauen und Mädchen besonders schlecht da, sind dementsprechend häufiger Opfer sexualisierter Gewalt, als Jungen und Männer. Das Trauma der Integritätsverletzung wird in unserer Gesellschaft noch zu häufig ignoriert, was unbedingt zu ändern ist.
Opfer benötigen Angebote, die ihren Bedürfnissen gerecht werden und Kinder brauchen Informationen über sexualisierte Gewalt, damit sie wissen, was ihnen passiert. Sie müssen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, damit sie sich entweder wehren oder um Hilfe bitten können. Kinder, die seelisch oder körperlich misshandelt und/oder vernachlässigt werden, haben den Glauben an helfende Erwachsene doch längst verloren. So greifen die Zahnräder der Gewalt ineinander und arbeiten den Tätern zu.
Was war der Grund den Verein "Prävention & Prophylaxe" zu gründen?
Es gibt mittlerweile zahlreiche Vereine, die sich gegen sexualisierte Gewalt engagieren. Nach meiner Auffassung spielt die Vorbeugung von sexualisierter Gewalt auf der Ebene der Kinder und Jugendlichen immer noch eine untergeordnete Rolle. Um diesen Mangel zu beheben und dessen Notwendigkeit zu proklamieren, wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention & Prophylaxe e.V. gegründet.
Worin sehen Sie die hauptsächlichen Ziele des Vereins?
Voranging geht es uns darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kinder und Jugendliche informiert und sensibilisiert werden, um sexualisierte Gewalt wahrnehmen zu können. Außerdem soll Pädagogik dazu beitragen, Kinder selbstbewusst zu erziehen, Kinder, die ihre Gefühle und Bedürfnisse kennen, Entscheidungen treffen können. Dazu werden Erwachsene benötigt, die die pädagogische Kompetenz haben, Kinder in diesen Ansätzen zu fördern. Erwachsene, die auf das Mittel der Gewalt verzichten können, weil sie selbst stark genug sind.
Deshalb führen wir nur Erstkontaktberatungen für Opfer durch, und verweisen sie danach weiter an örtliche Einrichtungen. Unser Schwerpunkt liegt darin, die (vorbeugende) Arbeit mit Kindern zu fördern und Erwachsene hierfür zu ermuntern und zu qualifizieren. Deshalb haben wir ein Pädagogisches Fachinformationszentrum eingerichtet, in der sich Erwachsene, Kinder und Jugendliche informieren können.
Der Verein "Prävention & Prophylaxe" gibt vierteljährlich eine eigene Zeitschrift heraus. Welche Inhalte möchten Sie hierin vermitteln?
Wir wenden uns jeweils einem Schwerpunktthema zu (z.B. "Mädchenarbeit", "Selbstbewusstsein und Ich-Stärke", "Jungenarbeit", "Sexualerziehung", "Kinder als Ware" usw). Hierzu veröffentlichen wir immer mindestens einen Fachartikel. In speziellen Rubriken stellen wir dann für verschiedene Zielgruppen (Kindergartenkinder, Grundschulkinder, Jugendliche, Mädchen, Jungen, behinderte Menschen, PädagogInnen, Eltern) Vorschläge vor, wie zu dieser Thematik inhaltlich und methodisch gearbeitet werden kann. Außerdem gibt es zum jeweiligen Themengebiet spezifische Medienvorschläge.
Ferner gibt es Rubriken wie: "Zur Diskussion gestellt", in dem kontroverse Ansätze, Kritiken oder neue Ansätze vorgestellt werden. Die Vorstellung von allgemeiner Fach-, Kinder- und Jugendliteratur sowie Informationen aus dem Intern und Terminangebote bilden den Abschluss der Zeitschrift.
Besonders stolz sind wir auf unser Projekt: Jugendliche rezensieren Bücher, die für sie geschrieben wurden. In dieser Rubrik stellen Jugendliche ihre Meinung zu Jugendbüchern vor. Die beste Rezension wird dann einmal im Jahr prämiert.
Im März diesen Jahres ist der dritte Band Ihrer "Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt" erschienen. Jeden Band widmen Sie einem speziellen Thema. In diesem Fall geht es um das Thema der "Rituellen Gewalt". Worin sahen Sie die Notwendigkeit, sich einmal speziell diesem Bereich zu widmen?
Die Notwendigkeit besteht in einem allgemeinen und akuten Informationsmangel der Gesellschaft. Für die Strukturen und Vielfältigkeit Ritueller Gewalt (auch als "sexueller Missbrauch in Sekten und Kulten" bezeichnet) wollten wir die Wahrnehmung öffnen und vor allem, Möglichkeiten der Vorbeugung aufzeigen.
Satanisten werden noch zu häufig als "harmlose Spinner" abgetan. Wir wollten dieser falschen Vorstellung mit Informationen begegnen und vor allem aufzeigen, was Kinder in diesen Kulten erleben müssen und welche Folgen das haben kann. Es gibt in der Bundesrepublik noch viel zu wenig spezifische Angebote für die Opfer und so gut wie keine vorbeugenden Ansätze.
Welche Ziele möchten Sie mit der Bundesarbeitsgemeinschaft in Zukunft umsetzen?
Wir wollen mehr Qualität(skontrolle) in der vorbeugenden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erreichen. Wissenschaftliche Begleitung soll uns dezidiertere Erkenntnisse über diese Arbeit geben. Denn wir wissen noch zu wenig darüber, welche Wirkung wir mit der Vorbeugung eigentlich erzielen!
Frau Dr. May, alle Mitarbeiter des Vereins sind ehrenamtlich tätig. Worauf sind Sie besonders angewiesen, um Ihre Arbeit weiterhin durchführen zu können und für Ihre Ziele zu kämpfen?
Das reicht von der ganz banalen finanziellen Unterstützung (wir stellen steuerabzugsfähige Spendenbescheinigungen aus!) bis hin zu fachlicher Unterstützung. Wir brauchen RezensentInnen, die Fachbücher vorstellen, die verantwortlich Themenbereiche oder Rubriken in der Fachzeitschrift übernehmen.
Wir könnten einen "Webmaster" oder "Webmasterin" sehr gut gebrauchen, der/die unsere Seiten regelmäßig aktualisiert, wir brauchen eine Bürokraft und eine/n Bibliothekar/in, die unsere Medien katalogisiert und verschlagwortet. Willkommen wäre uns auch eine fachkundige Person, die die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt.
Viele dieser Aufgaben kommen bisher leider noch zu kurz. Wir sind dankbar für jede helfende Hand, die bereit ist, sich für die Sache einzusetzen. Es müssen ja nicht alle aus Berlin kommen. Im Zeitalter des Internets können viele Hürden überwunden werden!
Frau Dr. May, ich danke für dieses Interview.
(c) Astrid Krüger
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