| Multiple Persönlichkeiten |
aus intra,
Heft 44/2000 |
| Martha, 27, ist
Ärztin und das, was die Fachwelt einen Host nennt. In ihrem Innern
«wohnen» verschiedene ldentitäten Der Erfahrungsbericht einer
Frau mit «Multipler Persönlichkeit»,
aufgezeichnet von Astrid Krüger.
Marthas Geschichte (erzählt von, Peter, einem anderen Teil ihrer Persönlichkeit): Bereits die Mutter unseres Erzeugers war mit großer Wahrscheinlichkeit multipel.. Es gibt genug Erzählungen über wechselnde Stimme, wechselnde Augenfarbe, wechselndes Verhalten. Ihr vierter Suizidversuch war schließlich erfolgreich. Gearbeitet hat sie offiziell als «Haushälterin» in einem Bordell. Ob der Alte (unser Erzeuger) darüber die Kontakte hatte oder es andere Zusammenhänge gab, wissen, wir nicht. Jedenfalls fing er selbst mit dem Missbrauch an, als wir zirka ein Jahr alt waren Er hatte ja auch freie Hand, weil unsere Alte das Geld verdient und er uns zu Hause «versorgt» hat. Wie wir von den Kleinen wissen, hat er uns anfänglich, nur an bestimmten Stellen berührt. |
Als wir laufen konnten, nahm er uns mit zu H.; H. war der Drahtzieher (das hat uns «Ghost» - so nennen wir ihn, denn seinen Namen gibt er nicht preis - einmal ungewollt verraten). Der hat Treffen mit Gleichgesinnten organisiert. Die fanden an unterschiedlichen Orten statt. Mal in Hotels, (manche von uns haben heute noch ein Problem damit, dort zu übernachten), mal in verschiedenen Wohnungen. Der Ablauf war immer gleich. Unser Alter gab uns an der Tür ab und ging, um uns ein paar Stunden später wieder abzuholen. Es waren auch andere Kinder da. Manchmal holten sich die Typen einfach nur einen runter, während wir Kinder dazu angehalten wurden, uns gegenseitig was reinzustecken und so was. Manche standen auf Lolitas, manche auf Hardcore. Wir waren gut, wir hatten für jeden Wunsch eine Person, die das konnte. Ghost war derjenige, der drauf abgerichtet war, anderen Kindern weh zu tun. Nach dem, was wir bis jetzt wissen, hat H. das bewusst herbeigeführt. Der wusste, wie er das schaffte und wie man Kinder zum Dissoziieren bringt Ghost hat er immer erzählt, dass er mal sein Nachfolger sein würde, weil er so schön hart sei und nicht so ein Weichling oder eine Nutte wie die anderen. Der hat bis heute nicht begriffen, dass er mit diesen Weichlingen und Nutten in einem Körper festsitzt. Verletzungen wurden noch vor Ort von H. versorgt. Und H. hatte noch eine andere Spezialität: Versteckte Kameras. Der hat eine umfangreiche Filmsammlung angelegt. Ob nur zur Erpressung und Absicherung oder auch für den «Filmmarkt», wissen wir nicht. Wir vermuten, dass unser Alter auch mal Kunde bei H. war und der ihn so dazu gebracht hat, uns dort abzuliefern. «Wir hatten alle bestimmte Aufgaben» Als der Körper sechs Jahre alt war, sind wir dort weggezogen. Danach gab es von H. bei seltenen Besuchen nur noch das Auffrischen der Schweigeprogramme. Ansonsten hatten wir es nur noch mit dem Alten zu tun. Der ließ das endlich, als wir mit neun Jahren eine schwere Verletzung erlitten und zum Arzt mussten. Der Hausarzt hat zwar nicht geholfen, sondern lediglich Kamillesitzbäder verordnet. Aber es reichte, um dem Alten genug Angst zu machen. In dieser Zeit ist Tina entstanden. Tina war ursprünglich dafür da, die Prügeleien von unserer Alten (Erzeugerin) auszuhalten.
War eigentlich harmlos (so Nasenbluten und Platzwunden, ist echt nichts besonderes), aber es reichte, um Martha aus dem Konzept zu bringen. Und das war nicht gut. Die musste funktionieren, damit niemand etwas merkte. Martha ist entstanden, als der Körper vier Jahre alt war. Wir brauchten jemanden, der das allgemeine Chaos zu Hause aushalten und trotzdem noch funktionieren konnte. Nina konnte und kann das nicht. Die hat nur die guten Erinnerungen (die gabs auch). Wir hatten alle bestimmte Aufgaben. Femme beispielsweise war eine Klasse-Lolita. Ich (Peter) konnte den stärksten Hardcore aushalten, ohne dass es mir etwas ausmachte. Stella weinte, wenn die das wollten, etwas, was ich nicht kann. Und so geht das weiter. «Die Stimme» ist praktisch körperlos. Wir nennen sie auch «Die Diva», weil sie im Hier immer nur kurze, aber sehr einprägsame Auftritte hat, eben wie eine Diva. Das Milieu, in dem wir aufwuchsen, war sonst ein klassisches Arbeitermilieu. Unsere Alte war Köchin, der Alte Taxi-Fahrer. Was wir der Alten wohl zugute halten müssen, ist, dass es nie eine Diskussion darum gab, dass Martha Abi machen und studieren würde. War die Basis, um da raus zu kommen. Die Erzeugerin ist übrigens immer noch bei dem Alten, obwohl sie sich an die Verletzung damals erinnert und sagt, sie würde uns glauben. Und unser Bruder? Der war früher sehr wichtig. Wenn der da war, waren wir sicher. Der schleppt seine heute fünf Jahre alte Tochter weiter zu dem Alten und meint, er könne der doch den Kontakt zu den Großeltern nicht unterbinden. Nach außen sah das alles weitgehend «normal» aus. Ach ja, da gab es noch eine Tante, der hat eine von den Kleinen mal davon erzählt, dass «der Pap immer sagt, dass sie Geld verschlucken würde und er das da hinten rausholen müsse, sie aber doch gar kein Geld verschlucken würde». Die Tante hat nichts gemacht. Selbst dann nicht, als sie von der Verletzung erfahren hat. Der Alte heute? Angesehenes Partei-Mitglied in seinem Dorf. Den finden alle nett, so hilfsbereit. Genugtuung ist, dass er wohl langsam an seiner Leberzirrhose krepieren wird, die er sich nicht durch Alk, sondern durch Hepatitis B und C eingefangen hat. Wie ich zur Therapie gekommen bin (erzählt von Martha): Na ja, ich bin ja nicht blöd. Wenn man ca. 100 Kilo wiegt, obwohl man pro Monat Lebensmittel für ca. 1000 Mark erbricht, stimmt was nicht. Mal abgesehen von meiner depressiven Stimmungslage, dem Gefühl, mit anderen nicht klarzukommen etc. Also habe ich mich an eine Psychosomatik-Klinik gewandt und dort acht Wochen stationäre Gruppentherapie gemacht. Als dort die ersten Flashs kamen und ich tatsächlich auch noch versuchte, das in der Gruppe zu thematisieren, wurde ich komplett ignoriert (wie damals wohl unsere Kleine, die der Tante vom Alten erzählte). Weitergemacht habe ich nicht, da «alle anderen viel stärker eingeschränkt waren», so mit Angst, nicht Autofahren zu können, Angst vor Prüfungen, Angst, einkaufen zu gehen. Das waren alles Dinge, die ich konnte. Funktioniert hatte ich bis dahin immer. Ach ja, natürlich hatte ich niemandem von den zwei bis sechs Ess-Brechanfällen pro Tag berichtet. War auch kein Problem, das dort geheim zu halten. ich war dort wegen «Adipositas». Ja, und dann? Es wurde ja nicht besser und das mit dem Gewicht sah ich schon als Problem. Beim Rest dachte ich immer, dass ich mich nur anstellen würde und mich einfach mehr zusammen reißen müsste. Also habe ich einen zweiten Anlauf gemacht: ambulante Gesprächstherapie, tiefenpsychologisch fundiert. War eine nette Frau und es reichte vollkommen aus für Flashs, Alpträume etc. Ich schrieb auch immer auf, was mir so auffiel an Träumen und so. Bloß, dass ich es immer «vergaß» dann mitzubringen. Merkwürdigerweise befanden sich die Schriftstücke auch dann nicht in meiner Tasche, wenn ich sie selbst vorher dorthin gepackt hatte. Hatte wohl jemand fein säuberlich entfernt. Ja und als das alles zu dicht wurde, nahm ich die erstbeste Gelegenheit wahr, diese Therapie abzubrechen. Flashs, Selbstverletzung und Suizidgedanken Ein halbes Jahr später hatte ich meine erste Beziehung, die länger als drei Wochen halten sollte - trotz Intimität. Klar hatte ich mich öfter in fremden Betten wiedergefunden, aber das immer auf meine «Verdorbenheit» zurückgeführt. Gedanken darüber, wie ich da überhaupt erst reingelangt war, machte ich mir damals nicht. Diese Beziehung war etwas anderes. Eigentlich ein Versehen, denn ursprünglich hatte ich O. nur gebeten, mich zum Schein zur Hochzeit meines Bruders zu begleiten, weil ich es leid war, die nervenden Fragen der Verwandten zu beantworten. Daraus wurden immerhin zwei Jahre. Davon waren 23 Monate durch zunehmende Symptome geprägt: Panikattacken, Schlafen nur noch bei Licht, irgendwann keine Intimität mehr, Alpträume, Flashs tagsüber, Selbstverletzung (damals noch ohne Rasierklingen), depressive Verstimmung, suizidale Gedanken, schwerste Konzentrationsstörungen usw. Immer dann, wenn bei mir eine Ahnung hochkam wegen der Flashs, sagte ich mir, dass ich spinne, an so etwas müsste ich mich doch erinnern.
Dann habe ich ein Praktikum in der Psychiatrie gemacht. Eine der Patientinnen dort hatte einen psychogenen Anfall. Hinterher sagte der Stationsarzt zu mir: «Wenn Sie mehr zu dem Thema wissen möchten, ich kann Ihnen ein Buch empfehlen: 'Seelenmord' von Ursula Wirtz.» Mir wurde schwindlig. Ich hatte das Gefühl, gleich umzukippen und dachte nur noch: «Woher weiß der das? Sieht man mir das an?» Tatsache ist, dass dieser Arzt das Buch damals fast jedem empfahl. Ich besorgte mir das Buch, las es. Darin gab es eine Liste von Symptomen und es stand darin, «wenn sie mehr als vier Symptome haben, ist ein Missbrauch in der Kindheit wahrscheinlich». Mir fehlten zwei von 15 oder 17 Symptomen. Die folgenden zwei Monate verbrachte ich damit, mich zum Supermarkt zu bewegen, einzukaufen, zu fressen, zu brechen und trotzdem 20 Kilo zuzunehmen. Erspartes hatte ich danach nicht mehr. Dann fasste ich endlich den Mut, zum Telefonhörer zu greifen, diesen Stationsarzt anzurufen und nach einem guten Therapeuten für posttraumatische Störungen zu fragen. Dieser Stationsarzt ist seitdem unser Therapeut. Er wollte sich gerade niederlassen. Es ging gerade noch so, da ich ihn nur drei Tage sehr flüchtig hatte kennen lernen dürfen. Etwas länger und die Grenzen wären zu sehr verwischt gewesen. Aber so reichte es, um das nötige Vertrauen zu haben, damit überhaupt zu einem männlichen Therapeuten zu gehen. Bereits im ersten Jahr der Therapie tauchten die anderen vermehrt auf. In der Therapie selbst aber nur verdeckt, nicht offen: Als es dann crashte und wir hochsuizidal in die Klinik gingen, tauchten sie dort auch konkret auf Es wurden sogar einige der Namen von uns genannt. In unseren Tagebuchaufzeichnungen, die der dortige Stationsarzt kopierte, waren sehr deutlich die unterschiedlichen Handschriften zu sehen. Aber niemand dort nahm es wahr.
Nun bearbeitete mich unser Therapeut, doch mal mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, Behandlungsmethode aus der Psychotraumatologie, Anm. der Verfasserin) zu gucken, ob nicht noch irgendwo etwas hängen würde. Sechs Monate später war ich einverstanden. |
Den
«Haufen» kennen gelernt
Nach der ersten EMDR-Sitzung bekam ich Tina erstmals mit. Sie haute mit dem Handgelenk so lange gegen ein Treppengeländer, bis das Gelenk fast doppelt so dick war und das Treppengeländer eine Delle hatte. Damals wurde sie noch tasmanischer Teufel genannt. Ihren Namen kannte ich nicht. Ich war ziemlich entsetzt. Nebenher arbeitete ich nach Abschluss meines Studiums ganztags als Ärztin. Unser Therapeut meinte schließlich, noch ein paar EMDR-Sitzungen, um da möglichst schnell durchzukommen. Okay, noch ein paar EMDR-Sitzungen weiter war eine von den Kleinen nicht mehr zu übersehen und ein paar weitere Sitzungen und er bekam von Tina eins verpasst. Ich war völlig fertig. Suizidal wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Also nahm ich eine Woche Urlaub, um in die Klinik zu gehen. Das reichte aber, um einen ersten Handel mit den anderen zu schließen: «Ihr lasst mich arbeiten und dafür macht ihr den Rest der Zeit, was ihr wollt». Tja, so habe ich den Haufen kennen gelernt. Anfangs bildete ich mir noch ein, zumindest immer zu wissen, was so passierte. Das musste ich inzwischen aufgeben. Das mitzubekommen hat mich völlig panisch werden lassen. So als Kontrollfreak. Das geht inzwischen auch. Eigentlich genauso viel Hilfe auf diesem Weg wie unser Therapeut, der sich beständig weiterentwickelt hat, brachte der Austausch mit anderen Betroffenen, nicht zuletzt über das Internet. Wie geht es weiter mit Martha & Co.? (von Martha erzählt): Unser Therapeut sieht unsere Prognose recht günstig. Gemessen daran, wann die Diagnose erstmals gestellt wurde (vor eineinhalb Jahren) sind wir ziemlich weit. Außerdem erfüllen wir die Kriterien für günstige Prognosen. Immer pünktlich zu den Terminen, immer an Absprachen gehalten, stabile äußere Lebensumstände (Abgeschlossenes Studium, fester Job und so), inzwischen auch ein gutes soziales Netz, so dass wir außer ihm noch andere Bezugspersonen in Krisen haben. Was noch fehlt ist wohl ein Lebensabschnittsbegleiter, aber auch da bahnt sich gerade etwas an. Ich schätze noch zwei bis drei Jahre Therapie, wenn nichts unerwartetes dazwischen kommt. Der Therapieverlauf ist nicht so schön strukturiert, wie sich das in der Literatur findet. Alle Phasen finden abwechselnd, zum Teil gleichzeitig statt. So habe ich beispielsweise schon einen Grossteil Trauerarbeit in bezug auf meine Eltern gemacht. Das war auch notwendig, damit ich mich emotional abnabeln konnte. Gleichzeitig nehmen «neue» Leute, d.h., welche, die noch keinen direkten Kontakt zu unserem Therapeuten hatten, erstmals Kontakt auf, also Beziehungsaufbau. Andere üben untereinander zu kommunizieren und zu kooperieren. Gleichzeitig gibt es immer wieder kleine Sequenzen von Traumabearbeitung -- bis jetzt an einzelnen Szenen und mit kleineren Gruppen von Innenpersonen, also die, die direkt betroffen sind. Dazu nutzen wir EMDR, aber in einer etwas abgewandelten Form. Nicht so, wie es in der Grundausbildung EMDR gelehrt wird. Ich bin normalerweise nicht dabei, weil ich es zwar durchaus verkrafte, hinterher zu lesen, was die anderen dazu aufschreiben und so ein formales Wissen darüber besitze, was den anderen und diesem Körper angetan wurde. Ich habe aber Mühe, stabil zu bleiben, wenn ich direkt dabei bin. Deshalb haben die anderen beschlossen, zunächst ohne mich Traumabearbeitung zu machen, so dass sie erst einmal mit dem Kram besser umgehen können und mich -- sollte ich einbezogen werden -- besser unterstützen können. Mein Job war und ist eben «das normale Leben». Das soll nicht gefährdet werden. Neben den ein- bis zweiwöchentlichen Terminen (öfter geht es nicht) arbeiten wir sehr viel intern, beispielsweise, indem hier Leute Lösungsmöglichkeiten für interne Probleme erarbeiten, mit Freunden reden etc. Hilfreich ist der Kontakt zu anderen Multis, weil die manchmal schon Lösungen für ähnliche Probleme erarbeitet haben und so gute Impulse setzen können. Außerdem tut es gut, auch ohne große Worte verstanden zu werden. Wobei es eine Einschränkung gibt: Wir haben Probleme mit Multis, die zu sehr auf ihren sekundären Krankheitsgewinn pochen (ich kann grad nicht saugen, weil ich multipel bin). So etwas haben wir nie haben wollen, werden wir nie wollen. Das einzige, was uns sehr gelegen käme, wäre eine Verlängerung der Tageszeit von24 auf 48 oder besser 72 Stunden, weil einfach die Zeit fehlt, dass alle gleichermaßen ihren Interessen nachgehen können. So würde Tina gern mehr mit Computer und Technik machen, Stella noch freie Kunst studieren. Peter möchte gerne seine philosophischen Texte lesen. Die Kleinen möchten alle möglichen Spiele machen, Bogenschiessen, Karate und so etwas. Das klappt leider nicht neben einem Fulltime-Job im Krankenhaus.
Wo viele Stimmen in einem Körper wohnen
Nach einer Studie von Putnam u.A. entsteht das
Bild der «Multiplen Persönlichkeitsstörung» schon früh
und ausschließlich bei einem Trauma vor dem fünften Lebensjahr.
In 96 Prozent aller Fälle beginnt die Störung auf Grund von
fortgesetztem sexuellem oder physischem Missbrauch bzw. von
Vernachlässigung. Bei 80 Prozent der Betroffenen spielen alle drei
Komponenten eine Rolle. Host und Alters Die Störung selbst kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten. Jeder der davon betroffen ist, entwickelt sie praktisch neu und für seine Lebenssituation maßgeschneidert. Der Host, die Person, die den Großteil des «normalen Alltags» bestreitet, wird auch als Gastgeber bezeichnet. Eigentlich wird hier ein falscher Begriff gewählt, da derjenige das schließlich nicht gerne und schon gar nicht aus freien Stücken macht. Generell ist die Multiple Persönlichkeitsstörung dadurch gekennzeichnet, dass zwei oder mehr Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände (oftmals bis zu 100) in einer Person existieren. Davon übernehmen mindestens zwei zeitweise die Kontrolle über das Funktionieren des Körpers. Für wenigstens einige Persönlichkeiten (fachmännisch: Alters genannt) besteht dabei Gedächtnisverlust, während andere die Kontrolle über den Körper innehaben. Der Grad der Kooperation der einzelnen Alters- sowie der Grad des Co-Bewusstseins (Möglichkeit auf Erinnerungen und Handlungen der verschiedenen Persönlichkeiten zuzugreifen und die Fähigkeit die Kontrolle über den Körper zu koordinieren) variiert dabei sehr stark Wie aber kommt es zur Dissoziation? Das beste Beispiel ist hierfür das kleine Mädchen, das nachts sexuell belästigt wird. Es wird sich schlafend stellen, da es seinem natürlichen Impuls, um Hilfe zu schreien, nicht folgen kann. So muss es andere Mechanismen entwickeln, dem Schmerz, der ihm zugefügt wird, zu entfliehen. Daraus entwickelt das Kind verschiedene Persönlichkeiten. Eine, die im Bett liegt und an der die sexuellen Handlungen vorgenommen werden. Eine zweite, die Macht entwickelt und vielleicht selber einem anderen Schaden zufügt. Die dritte wiederum ist dafür da, dass der Tagesablauf normal verläuft und sie nach außen hin perfekt funktioniert. Generell ist die Multiple Persönlichkeitsstörung dadurch gekennzeichnet, dass zwei oder mehr Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände (oftmals bis zu 100) in einer Person existieren. Davon übernehmen mindestens zwei zeitweise die Kontrolle über das Funktionieren des Körpers. Für wenigstens einige Persönlichkeiten (fachmännisch: Alters genannt) besteht dabei Gedächtnisverlust, während andere die Kontrolle über den Körper innehaben. Der Grad der Kooperation der einzelnen Alters- sowie der Grad des Co-Bewusstseins (Möglichkeit auf Erinnerungen und Handlungen der verschiedenen Persönlichkeiten zuzugreifen und die Fähigkeit die Kontrolle über den Körper zu koordinieren) variiert dabei sehr stark Wie aber kommt es zur Dissoziation? Das beste Beispiel ist hierfür das kleine Mädchen, das nachts sexuell belästigt wird. Es wird sich schlafend stellen, da es seinem natürlichen Impuls, um Hilfe zu schreien, nicht folgen kann. So muss es andere Mechanismen entwickeln, dem Schmerz, der ihm zugefügt wird, zu entfliehen. Daraus entwickelt das Kind verschiedene Persönlichkeiten. Eine, die im Bett liegt und an der die sexuellen Handlungen vorgenommen werden. Eine zweite, die Macht entwickelt und vielleicht selber einem anderen Schaden zufügt. Die dritte wiederum ist dafür da, dass der Tagesablauf normal verläuft und sie nach außen hin perfekt funktioniert. Langwierige Therapie Die Behandlung ist schwierig und grundsätzlich langwierig. Dabei resultieren die Probleme weniger aus der Muitipizität selbst, als vielmehr aus den zahlreichen, mit der meist chronischen Gewalterfahrung verbundenen anderen Symptomen wie Ängsten, Panik, Schlafstörungen, Depressionen, Selbstverletzungen, usw. Bei Bedarf gibt es die Möglichkeit Anti-Depressiva und Tranquilizer zu verabreichen. Die können nicht heilen, sondern dem Betroffenen nur helfen, mit seinen Beschwerden zu leben. Helfen kann nur eine Psychotherapie bei einem qualifizierten Traumatherapeuten. Dessen Ziel ist es, die multiple Persönlichkeit vom bloßen «Funktionieren» in ein «normales» Leben zu führen. Seine Aufgabe ist es, zusammen mit dem Patienten eine Verarbeitungsstrategie zu entwickeln. Dabei geht es darum, dem Patienten die Bürde zu nehmen, das Trauma ständig wiederzuleben. Aus dem «Hier-und-Jetzt-Erleben» soll eine Geschichte werden, von der der Patient weiß, dass sie schlimm war, aber der Vergangenheit angehört. Die einzelnen Persönlichkeiten müssen lernen, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren, also Kompromisse zu finden und gemeinsame Ziele zu formulieren, ihre Erinnerungen zu teilen. Es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, ob Heilung die Verschmelzung der einzelnen Alters zu einem einzigen ist. Die Alternative wäre, das Verständnis der Persönlichkeiten untereinander zu fördern, um eine bessere Zusammenarbeit als bisher zu ereichen. So Unriten die zusammen das alltägliche Leben und die Kontrolle über den Körper bewältigen. Bei der Multiplen Persönlichkeitsstörung und der Schizophrenie, obwohl vom Laien häufig verwechselt, handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Krankheitsbilder. Schizophrene, die Halluzinationen haben, sind davon überzeugt, dass diese da sind. Sie lassen sich, wenn überhaupt, nur vordergründig davon abbringen. Eine Multiple Persönlichkeit mit Flashs, die von Unwissenden manchmal mit Halluzinationen verwechselt werden, weiß genau, dass eigentlich niemand in der Wohnung sein kann, obwohl sie dieses Gefühl hat. Sie kann also ihre Wahrnehmung differenzieren und einen Realitätsabgleich durchführen. Und die Stimmen? Schizophrene lokalisieren sie zumeist außen. Oft werden ähnliche Dinge wiederholt. So berichten sie von Beschimpfungen durch Nachbarn. Multiple können sehr genau angeben, dass es Stimmen von innen, aus dem Kopf, sind. Die Inhalte sind erheblich vielfältiger und beziehen sich nicht ständig auf denjenigen, der sie hört -- wie bei Schizophrenen. Schizophrene zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass ihnen ihre Erkrankung das Erkennen sozialer Situationszusammenhänge erschwert. Multiple, im Gegensatz dazu, sind Meister darin. Sie waren Zeit ihres Lebens darauf angewiesen, selbst geringste Änderungen zu erkennen, um überleben zu können. ASTRID KRÜGER
Bücher zum Thema Sabine Marya: Schmetterlingsfrauen. Ein Selbsthilfebuch für Frauen mit multipler Persönlichkeit. Verlag Frauenoffensive, 1999 Walburga Temminghoff: Eine-Sein. Viele-Sein. Eine werden? Psychiatrie-Verlag, 1999 Christian Scharfetter: Dissoziation, Split, Fragmentation. Nachdenken über ein Modell. Hogrefe, 1999 Diese Bücher können Sie beim intra Bücherservice bestellen. |
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«Diese innere Aufspaltung ist ein Schutzmechanismus»
Helga Matthess, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, behandelt seit 1992 regelmäßig Patienten mit Multipter Persönlichkeitsstörung. Zusammen mit ihrer ersten Patientin mit dieser Diagnose hat sie damals nach neuen Ansätzen in der Therapie gesucht und in der Psychotraumatologie gefunden. intra sprach mit ihr über die therapeutische Arbeit mit einer Multiplen Persönlichkeit.
Welche Symptome eines Patienten lassen den Therapeuten an eine Multiple Persönlichkeitsstörung denken?
die meisten Patienten, bei denen später eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird, kommen anfangs wegen unspezifischer Symptome, wie Depressionen, Suizidalität oder selbstschädigendem Verhalten in die Therapie. Einer der wichtigsten Hinweise auf eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS), wie die «Multiple Persönlichkeitsstörung» in Fachkreisen viel lieber und auch richtiger genannt wird, sind Gedächtnistücken im Alltag. Mal befinden sich solche Menschen an einem Ort und wissen nicht mehr, wie sie dorthin gekommen sind. Oder aber es gibt Gegenstände, Schriftstücke oder Bilder in ihrem Besitz, die zu ihnen zu gehören scheinen, an deren Erwerb oder Herstellung sie sich jedoch nicht erinnern können.
Andere erkennen manchmal enge Freunde oder Bekannte nicht mehr, werden auf der Strasse von für sie wildfremden Menschen als Freunde, vielleicht sogar mit anderem Namen angeredet.
Aber so extrem und dramatisch muss es nicht bei jedem sein. Viele haben nur das Gefühl, als ob Teile ihres Körpers nicht zu ihnen gehören, oder dass die Welt um sie herum nicht «wirklich» ist. Die meisten der «Hochdissoziativen» hören Stimmen, fast immer in ihrem Kopf. Das Stimmen-Hören ist übrigens nach wissenschaftlichen Untersuchungen bei der Dissoziativen Identitätsstörung sehr viel häufiger als bei schizophren/psychotisch erkrankten Menschen. Oft verlieren DIS-Patienten, vielleicht nur für kurze Zeit, Fähigkeiten, die sie sich angeeignet haben. Dann haben sie manchmal das Gefühl, sich wie zwei unterschiedliche Personen zu verhalten.
Die früheren Darstellungen, dass alte Persönlichkeitszustände immer getrennt sein müssen, stimmt so allerdings nicht. Oft gibt es «Mischzustände», wenn zwei oder mehr Alter gleichzeitig «vorne» sind, d.h. die Kontrolle über den Körper übernehmen.
Dabei ist es mir wichtig zu sagen, dass diese innere Aufspaltung ein Schutzmechanismus ist. Diese Dissoziation, wie wir die innere Aufspaltung auch nennen, ist dadurch entstanden, dass dieser Mensch als Kind Dinge aushalten musste, die so nicht aushaltbar waren. Aber er ist, so zerrissen, aufgespalten und unterschiedlich er seine inneren Persönlichkeitsanteile auch wahrnimmt, doch eine Person!
Um den inneren Druck, den die Dissoziation in dem Alter-System auslöst, abzubauen, um sich selbst besser zu spüren oder den Kontakt mit der «Wirklichkeit» wieder herzustellen, verletzen sich diese Patienten häufig selbst. Für sie ist dies eher eine Art Selbstschutz, etwas selbstfürsorgliches. Oft kommt es auch durch Flashbacks, einschiessende Gedanken und Erinnerungen, zu Angst- und Panikgefühlen. Häufig kommt es zu einem unspezifischen Kopfschmerz, der auch als «Dissoziationsmigräne bezeichnet wird. Manche der Symptome finden sich auch bei Patienten, die nicht im ursprünglichen Sinne «multipel» sind. Sie leiden an einer sogenannten «Ego-State-Disorder», einer «nicht anders klassifizierbaren dissoziativen Erkrankung» (DDNOS). Das bedeutet, dass sie für sich innere Persönlichkeitszustände bemerken, aber nach außen nicht «switchen», d.h., ihr Verhalten, ihre Stimme oder Eigenarten nicht verändern.
Wie diagnostiziert der Therapeut die Multiple Persönlichkeitsstörung?
Einige Patienten haben den Verdacht, «viele» zu sein. Bei anderen dauert die Diagnose sehr lange. Das ist häufig auf das (berechtigte) Misstrauen, das bei den meisten über viele Jahre, oft während der gesamten Therapie andauert, zurückzuführen. Als Diagnosehilfe gibt es Fragebogen, zum Beispiel den FDS Fragebogen dissoziative Störungen nach Freyberger), der die allgemeinen Symptome eine Dissoziation aufspürt und einschätzt. Bei stärkerem Verdacht gibt es ein halboffenes Interview, das gerade neu in Deutsch erschienen ist, den SCID-D (Structured Clinical Interview for DSM-IV Dissoziative Disorders). Wirklich sicher sollte sich de Therapeut mit er Diagnose dissoziative Identitätsstörung aber erst sein, wenn ein Wechsel der Alter in mehr als einer Situation deutlich ist und die verschiedenen Alter auch wiederzuerkennen sind.
Wie sieht eine Therapie dieser Störung aus?
Es gibt eine Empfehlung in der Therapierichtlinie der ISSD (International Society for the Study of Dissociation), von der es auch eine deutsche Sektion gibt. Idealtypisch steht in der ersten Phase die Stabilisierung im Vordergrund. Dabei geht es um eine gute Alltagsbewältigung, eine gute innere Absprache, was wir Co-Bewusstsein nennen und der inneren Unterstützung der verschiedenen Alters bei Flashbacks. In einer zweiten Phase findet die Traumabearbeitung statt, Hierbei können verschiedene Methoden eingesetzt werden, z.B. das EMDR, das in einer modifizierten Form momentan scheinbar das effektivste und schonendste Mittel ist. Schonend ist deswegen so wichtig, weil diese Phase der Therapie die anstrengendste ist, da mit jeder Bearbeitung immer wieder belastende Erinnerungen in das Bewusstsein kommen. Deswegen gibt es natürlich zwischendurch immer wieder Phasen der Stabilisierung. Diese Arbeiten werden von einer dritten Phase, nämlich der Integration, des Betrauerns und der Neuorientierung begleitet.
Was ist das Ziel der Therapie?
Ich habe oben den idealen Verlauf einer Therapie beschrieben. Für viele Patienten ist es sinnvoll, nur in der ersten Phase zu bleiben. Sei es, dass sie beschlossen haben, in einer stabilen inneren Kooperation zu leben oder vielleicht deshalb, weil eine Bearbeitung der zugrunde liegenden Traumatisierungen eine zu große Belastung für das Alter-System ist. Bei anderen kann es sein, dass sie erst einmal eine gewisse Stabilisierung erreichen, einige Jahre pausieren, um dann vielleicht nochmals intensiv in eine Therapie einzusteigen und sich besser zu integrieren. Ziel einer jeden Therapie sollte immer sein, das subjektive Wohlbefinden des Patienten zu optimieren. Nicht immer ist dies bei einem hochdissoziativen Menschen damit verbunden, dass er alles (und jeden) integrieren muss! Wie dieses Wohlbefinden aussehen soll hängt vielfach von der Vorstellung jedes Einzelnen ab.
Wie groß sind die Erfolgsaussichten einer solchen Behandlung?
Die Erfolgsaussichten hängen von vielen Faktoren ab, besonders davon, welche Kompetenzen, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Patient von sich aus mit in die Therapie einbringt. Auch davon, welches Ziel für die Therapie sich der Einzelne sucht. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Therapie bis zur Integration zwar sehr langwierig ist und oftmals fünf bis acht Jahre dauert. Dafür liegt die Prognose bei einem speziell ausgebildeten Therapeuten jedoch sehr günstig. Leider scheitern sehr viele Therapien nach einiger Zeit an der Finanzierung. Auch bei dieser Diagnose zahlen die Kassen nur sehr beschränkt.
INTERVIEW: ASTRID KRÜGER
(c) Astrid Krüger
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