schriftenreihe gegen sexualisierte gewalt Band 3/2001, Seite 59 ff. ISBN 3-9805445-7-5

Astrid Krüger

Die Entstehung Multipler Persönlichkeiten

Was versteht man unter einer Multiplen Persönlichkeitsstörung/Dissoziativen Identitätsstörung?

Generell ist die Dissoziative Identitätsstörung (nach DSM IV) dadurch gekennzeichnet, dass zwei oder mehr Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände (oftmals bis zu 100) in einem einzigen Menschen existieren. Davon übernehmen mindestens zwei zeitweise die Kontrolle über das Funktionieren von Körper und Geist. Für wenigstens einige Persönlichkeiten (auch als Alters bezeichnet) besteht dabei Gedächtnisverlust für bestimmte Ereignisse, während eine andere die Kontrolle innehat.

Der Grad der Kooperation der einzelnen Alters sowie der Grad des Co-Bewusstseins (Möglichkeit auf Erinnerungen/Handlungen der verschiedenen Persönlichkeiten zuzugreifen und die Fähigkeit, die Kontrolle über den Körper zu koordinieren) variiert dabei sehr stark.

Ursachen

Das Phänomen der "Multiplen Persönlichkeitsstörung/Dissoziativen Störung" entsteht in der Kindheit schon früh und ausschließlich, bedingt durch ein Trauma vor dem fünften Lebensjahr. In 96 Prozent aller Fälle beginnt die Störung aufgrund von fortgesetzter sexueller oder physischer Misshandlung bzw. Vernachlässigung. Bei 80 Prozent dieser Betroffenen spielen alle drei Komponenten eine Rolle.

Bei den restlichen vier Prozent entsteht die Traumatisierung durch das Aufwachen aus der Narkose während einer Operation im frühen Kindesalter. Im Unterschied zu den misshandelten und vernachlässigten Opfern entsteht hier eine geringere Anzahl von Persönlichkeiten mit weniger Symptomen, was sich vermutlich aus der Einmaligkeit des Traumas und aus der Tatsache, dass die Traumatisierung nicht vorsätzlich und nicht durch nahe Bezugspersonen erzeugt wurde, erklären lässt.

Diese Angaben beruhen auf einer Studie von Putnam et. al. aus dem Jahre 1986. Putnam gilt weltweit als einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Dissoziativen Störung und lebt und arbeitet in den USA. In dieser Untersuchung am "National Institute of Mental Health" befragte er 100 Personen mit Multipler Persönlichkeitsstörung (1).

Die Dissoziative Identitätsstörung selbst kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten. Jeder Mensch, der diese Störung aufgrund seiner persönlichen Lebenssituation entwickelt, bildet sie speziell für sich und seine eigene Situation aus. Das geschieht unbewusst und ist von dem/der Betroffenen nicht zu steuern. Daher wird jede einzelne Identität "maßgeschneidert" für die spezielle Situation der/des jeweiligen Betroffenen.

Die Entstehung einer multiplen Persönlichkeit

Geraten Menschen in Extremsituationen, entsteht eine Art Reizüberflutung im Gehirn, ein Ausweg ist erforderlich. Menschen, die in der Lage sind gut dissoziieren zu können, dass heißt, die in der Lage sind, zusammengehörige Dinge im Bewusstsein voneinander zu trennen, finden hier seelisch ihre Rettung aus der fatalen Situation. Sie trennen das reale Geschehen von ihrem Bewusstsein ab und "denken" sich in eine andere Situation; somit scheint sie nicht wirklich zu existieren. Ist diese Trennung nicht mehr rückgängig zu machen, entstehen Erinnerungslücken, sogenannte amnestische Barrieren (vgl. Michaela Huber, 1995, 46).

Die Dissoziation entsteht dadurch, dass die Informationsüberleitung im Gehirn in einer besonders bedrohlichen Situation nicht mehr funktioniert. Das bedeutet, dass bestimmte Hirnregionen zum Schutz des Individuums nicht mehr arbeiten. Aufgrund des Ereignisses ist es für die betroffene Person besser, sich nicht daran zu erinnern, weil das Erlebte als zu belastend empfunden wird. Leider funktioniert das nicht immer vollständig, so dass es zu Flashs kommen kann. Flashs sind plötzlich einschießende Erinnerungen an die ursprüngliche Belastungssituation, die den/die Betroffene/n immer wieder an das stattgefundene Geschehen erinnern können.

Aufgrund der Dissoziation entstehen Erinnerungslücken für die dissoziierende Person, die auch als Gastgeberpersönlichkeit ("Host") bezeichnet wird und den Großteil des "normalen Alltags" bestreitet.

Die Bewältigungsmodalität des Traumas - sprich, die neu entstandene Persönlichkeit (genannt Alter) - bleibt aber im Gehirn erhalten und kann, bei Bedarf, in einer ähnlichen Situation wieder angesprochen werden.

Es kann, insbesondere in der Therapie, hilfreich sein, die bewährten Überlebensmuster wieder herzustellen und anzusprechen. Es wird aber als sehr belastend empfunden, wenn diese traumaauslösenden Übererregungszustände wieder hergestellt werden. Dies kann z.B. durch sogenannte "Trigger' erfolgen. Trigger sind Auslösereize, die einen bestimmten Zustand (in diesem Fall Angst, Panik, Schweißausbrüche, Schmerzen usw.) wieder herstellen und mit dem Auslösetrauma unmittelbar in Verbindung stehen, aber in diesem Moment nicht real geschehen.

Wie kommt es zur Dissoziation?

Als Beispiel soll der Fall eines kleinen Mädchens dienen, das nachts vom Vater sexuell missbraucht wird. Es ist verwirrt und hat große Angst vor dem, was gerade passiert.

Die Drohungen des Peinigers, egal ob verbal oder nonverbal, sind häufig gepaart mit körperlicher Gewalt oder deren Androhung. Es wird dem Mädchen eingeredet, dass es selber oder andere sterben müssen, wenn es zu schreien beginnt oder anderen etwas über die Vorgänge erzählt.

Außerdem wird dem Mädchen suggeriert, dass ihm sowieso niemand glauben wird - eine Aussage, die sich in der Realität leider oftmals bestätigt. Was kann das Mädchen dann in dieser Situation tun, um diese Form des Traumas auszuhalten? Es wird sich schlafend stellen, da es seinem natürlichen Impuls, um Hilfe zu schreien, nicht folgen kann/darf.

So muss es andere Mechanismen entwickeln, dem seelischen und körperlichen Schmerz, der ihm zugefügt wird, zu entfliehen. Es selbst muss erkennen, dass es in dieser Situation hilflos und ohnmächtig ist, dem körperlichen und seelischen Schmerz durch die sexuelle oder physische Misshandlung ausgeliefert. Die Tatsache, dass der Täter oftmals eine vertraute Person ist, kommt als traumatisierender Faktor hinzu.

Entdeckt das Kind, das es sich durch die Dissoziation aufspalten und damit aus der Situation zumindest mental "befreien" kann, wird es in einer ähnlichen Lage die Dissoziation immer wieder anwenden, um sich selber zu schützen. Ein Teil des Mädchens kann in eine andere Welt entkommen und nimmt dort nichts wahr von dem Grauen und dem Schmerz, der ihm gerade zugefügt wird. Der andere Teil sorgt dafür, dass der Täter/die Täterin sein Bedürfnis nach Macht befriedigen kann.

Das Mädchen entwickelt schließlich verschiedene Persönlichkeiten, die unterschiedliche Funktionen haben. Man kann diese aufteilen in Helferpersönlichkeiten, die die Sorge für den Schutz der/des Betroffenen tragen. Sie versuchen Situationen zu vermeiden, in denen es ihrer Erfahrung nach zu sexuellen Übergriffen kommen könnte.

Andere Persönlichkeiten sorgen für die Stabilität in Beruf oder Schule oder übernehmen die Rolle des Kindes, das eigentlich so schutzbedürftig ist.

Somit könnte man das Phänomen der multiplen Persönlichkeit als eine Art Hilfsmechanismus des Menschen bezeichnen, gewisse Erinnerungen oder z.B. die Schmerzwahrnehmung auszuschalten. Das ganze ist ein physiologischer, sehr kreativer Abwehrmechanismus der Seele bzw. des Individuums.

Wiederholen sich die traumatischen Situationen, was gerade bei sexuellem Missbrauch die Regel ist, dann reichen zwei Persönlichkeiten nicht mehr aus und die Person spaltet sich immer mehr auf, insbesondere dann, wenn zum sexuellen Missbrauch körperliche Gewalt hinzukommt. Erfährt das Kind Gewalt durch mehrere Täter und ist niemand da, der das Kind unterstützt, dann werden viele Persönlichkeiten gebraucht, die Aufspaltung schreitet voran.

Wurde einmal eine positive Erfahrung mit der Möglichkeit der Dissoziation gemacht, fällt de Aufspaltung immer leichter und es kann vorkommen, dass sich später innerhalb einer Situation mehrere Persönlichkeiten in ihrer Präsenz abwechseln. Somit muss jede jeweils nur ein Bruchstück der Szene erleben und erinnern. Das ist wesentlich einfacher, als die gesamte Situation ertragen zu müssen.

Behandlung

Die Behandlung dieses Beschwerdebildes ist schwierig und grundsätzlich langwierig. Dabei resultieren die Probleme weniger aus der Multiplizität selbst, als vielmehr aus den zahlreichen, mit der meist chronischen Gewalterfahrung verbundenen anderen Symptomen wie Ängsten, Panik, Schlafstörungen, Depressionen, Selbstverletzungen, Programmierung usw.

Menschen mit Multipier Identitätsstörung wurden in ihrer Entwicklung häufig im Kontext destruktiver Kulte programmiert. Zumindest aber erfolgt die Programmierung oft im Zusammenhang mit psychischer und physischer Folter und soll die Person zu bestimmten Reaktionen veranlassen, die durch bestimmte Auslösereize hervorgerufen werden. Diese Programmierung kann später dazu führen, dass auf ein harmloses Wort auf dem Anrufbeantworter oder einer Postkarte rosarote Luftballons oder etwas ähnlich Banalem, eine bestimmte Innenperson Kontrolle über Körper und Psyche des Menschen übernimmt und z.B. bestimmte Handlungen tätigt, Kontakt mit einem Täter aufnimmt, oder im schlimmsten Fall einen Suizidversuch unternimmt. So werden normale Abwehrmechanismen unter anderem in Stress-Situationen von Tätern sexualisierter Gewalt missbraucht, um Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Im Rahmen der Therapie gibt es bei Bedarf die Möglichkeit Anti-Depressiva und/oder Tranquilizer zu verabreichen. Die können nicht heilen, sondern dem/der Betroffenen nur helfen, mit seinen Beschwerden zu leben. Nachhaltig helfen kann nur eine Psychotherapie bei einem/einer qualifizierten Traumatherapeuten/in. Dessen/deren Ziel ist es, die multiple Persönlichkeit vom "Funktionieren" in ein "normales" Leben zu führen.

Aufgabe der Therapie ist es, zusammen mit der/dem Patienten/in eine Verarbeitungsstrategie zu entwickeln, in der es darum geht, dem Menschen die Bürde zu nehmen, das Trauma ständig wieder zu erleben. Das Hauptziel hierbei besteht darin, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass die alten Auslöser (Trigger) immer wieder aktiviert werden können.

Ziel und unerlässlich ist, dass die einzelnen Persönlichkeiten lernen, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren, also Kompromisse zu finden und gemeinsame Ziele zu formulieren, die Kontrolle zu übernehmen, ihre Erinnerungen zu teilen. Es herrscht jedoch Uneinigkeit bei den Therapeuten/innen darüber, ob Heilung die Verschmelzung der einzelnen Alters zu einem einzigen ist oder nicht.

Die Alternative wäre, das Verständnis der Persönlichkeiten untereinander zu fördern, um eine bessere Zusammenarbeit als bisher zu erreichen. So könnten alle zusammen das alltägliche Leben und die Kontrolle über den Körper bewältigen.

Ansätze, die "richtige" Person herauszukristallisieren und die anderen gänzlich zu "vernichten", sind jedoch indiskutabel. Jeder Mensch, nicht nur Multiple, hat verschiedene Persönlichkeitsfacetten, die man auch nicht einfach so zum Verschwinden bringen sollte und kann.

Literaturangaben:

Putnam, Frank: Diagnosis and Treatment of Multiple Personality Disorders. Guilford Press, http://www.phoenixtruppe.purespace.de/system.html

Huber, Michaela (1995): Multiple Persönlichkeiten - Überlebende extremer Gewalt, Frankfurt a. M.

 

Erschienen in der: "schriftenreihe gegen sexualisierte gewalt Band 3/2001, Seite 59 ff. ISBN 3-9805445-7-5" der Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention und Prophylaxe.

Bestellungen des Bandes direkt über die Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft unter: http://www.bundesarbeitsgemeinschaft.de/.

Desweiteren gibt die Bundesarbeitsgemeinschaft vierteljährlich eine Zeitschrift heraus. Informationen und Bestellmöglichkeiten sofort über: Fachzeitschrift "Prävention & Prophylaxe der Bundesarbeitsgemeinschaft

© Astrid Krüger

Astrid Krüger, Jahrgang 1964. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen mit Panikattacken und Phobien in dem Buch "Panik - Chance für einen Neubeginn?" verarbeitet und darüber den Zugang zum Schreiben gefunden. Sie ist als Journalistin und Autorin psychologischer Artikel tätig. Der Schwerpunkt hierbei liegt auf Behandlungsmethoden und Erkrankungen aus diesem Bereich, die noch nicht das Allgemeininteresse gefunden haben.

Der Zugang zu diesem Thema erfolgte durch den Kontakt zu einer Ärztin für psychotherapeutische Medizin, deren Schwerpunkt die Behandlung der "Multiplen Persönlichkeitsstörung/Dissoziativen Störung" ist.

 

 

(c) Astrid Krüger

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