«Betroffene haben sich für ihre 'Macke' geschämt»

Die Hamburger Diplompsychologin Annett Neudecker beschäftigt sich in einer Studie mit der Trichotillomanie und Möglichkeiten Ihrer Behandlung. intra hatte Gelegenheit mit Ihr zu sprechen.

Wie ist es möglich, dass die meisten Betroffenen mit Trichotillomanie bereits jahrelang an dieser Erkrankung leiden und nicht einmal wissen, dass es eine ist bzw. wie sie heißt?
Trichotillomanie hat es wahrscheinlich schon immer gegeben. Allerdings hat sich bis vor ca. 15 Jahren kaum jemand dafür interessiert, da die Störung so selten diagnostiziert wurde.
Dies ist zum einen sicherlich auf Unwissen von Ärzten und Therapeuten zurück zuführen; andererseits kommt die Wissenschaft ja meist erst dann in Gange, wenn ein wirklicher «Bedarf» erkennbar ist.
Betroffene, die nichts über die Störung wissen, (erst in den letzten Jahre erfahren wir über die Massenmedien, dass es «so etwas» gibt) haben sich oft für ihre «Macke» geschämt und sich nicht zum Arzt getraut.
Wenn doch, haben viele schlechte Erfahrungen gemacht, da das Problem oft unterschätzt wurde. Dies ist eine Art Teufelskreis, der wieder dazu führt, dass kaum jemand mit TTM zum Therapeuten kam.

Viele Betroffene glauben, dass Ihnen auch eine Psychotherapie nicht helfen kann. Sie sind mutlos, glauben, dass sie schon alles versucht haben. Es ist, als ob sie in der Trichotillomanie gefangen wären. Was spricht dafür, es dennoch zu versuchen?
«Psychotherapie» ist ein weiter Begriff. Wenn sogar mehrere Therapien nicht gewirkt haben, heißt das noch lange nicht, dass jemandem nicht geholfen werden kann.
Nicht jede Therapieform ist geeignet. Außerdem ist TTM mehr als eine bloße «Gewohnheit»; sie ist meiner Erfahrung nach ein äußerst hartnäckiges Problem, für dessen Bearbeitung man viel Motivation und Geduld braucht (hierbei meine ich in erster Linie die Patienten).
Für erneute Versuche spricht aus meiner Sicht, dass sich die Therapiemethoden in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt haben, obwohl die Grundansätze sicher immer noch gültig sind (am besten kann ich das für die Verhaltenstherapie beurteilen).
Und auch die Therapeuten waren nicht faul: Viele haben heute auch Erfahrung in der Therapie von Zwangs- und Zwangsspektrums-Erkrankungen und sind aus meiner Sicht damit für die Behandlung von TTM qualifiziert, auch wenn sie es vielleicht noch nie gemacht haben. Außerdem gibt es jetzt auch die Möglichkeit, das Haare ausreißen mit i.d.R. gut verträglichen Medikamenten zu behandeln.

Welche Art der Psychotherapie kommt In Frage?
Wie verläuft eine solche Therapie?

Aus meiner Sicht sollte es unbedingt eine Verhaltenstherapie sein. Es reicht nicht, nur zu verstehen, warum man Haare ausreißt (was man z.B. auch in einer Gesprächs  oder analytischen Therapie herausfinden kann). Auf Grund der Hartnäckigkeit der Störung und des Gewohnheitsfaktors ist auch ein konkretes symptombezogenes Trainingsprogramm erforderlich, um das Haare ausreißen zu reduzieren. Zusätzlich kann man mit Verhaltenstherapie auch sehr gut die oft massive Problematik im Hintergrund des Symptoms bearbeiten (z.B. Depressivität, soziale Ängste etc.).

Was spricht für oder gegen eine Unterstützung der Therapie durch Medikamente?
Bei TTM setzt man meist sogenannte Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ein, aber auch andere Präparate wie Clomipramin oder Anafranil sind wirksam. Eine alleinige medikamentöse Behandlung hilft meist nur über die Dauer der Einnahme, kann aber auch schon wertvolle Impulse für eine psychotherapeutische Fortsetzung geben, ganz abgesehen davon, dass sie in vielen Fällen relativ schnell den Leidensdruck mindert. Ich würde nicht generell eine Verhaltenstherapie medikamentös unterstützen, es sei denn, dass eine zusätzliche Depressivität das Vorankommen in der Therapie erschwert. In diesem Fall ist ein Medikament natürlich sehr hilfreich. Wenn es jedoch so gut wirkt, dass die TTM völlig aufhört, gibt es natürlich wenig Ansätze für Symptomtraining und -beobachtung. Ich denke, dies sollte jeder Therapeut gemeinsam mit ihrer Patientin individuell entscheiden. Viele Patienten wollen es erfahrungsgemäss sowieso erst einmal ohne «Pillen» versuchen.

Ein Teil der Betroffenen leidet zusätzlich an Angstzuständen, Panikattacken oder Depressionen. Gibt es hier Zusammenhänge zur Trichotillomanie oder ist das Auftreten eher unabhängig von einander?
Auch hier gibt es individuelle Unterschiede. Angst und Panik im Sinne der «klassischen» Angststörungen entwickeln sich meist erst im jungen Erwachsenenalter, also nach Erstauftreten der TTM. Depressive Verstimmungen können natürlich sekundär als Folge der durch die TTM verursachten Selbstwertminderung entstehen. Sie spielen aus meiner Sicht jedoch oft eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der TTM. Wir verfolgen hier in Hamburg die Hypothese, dass das Haare ausreißen u.A. auch eine wichtige und sehr effektive «Bewältigungsmethode» im Umgang mit einer negativen emotionalen Befindlichkeit ist. Haare ausreißen lenkt ab, entspannt kurzfristig, tröstet etc. Genereller Schwerpunkt dieses Ansatzes ist das Nichtwahrnehmen von Gefühlen bzw. die Sorge, damit nicht umgehen zu können und überflutet zu werden (was ebenfalls ein Mechanismus der Angststörungen ist).

Annett Neudecker arbeitet an der Verhaltenstherapie-Ambulanz in Hamburg-Eppendorf (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie).
Bereits in ihrer Diplomarbeit hat sie sich mit Trichotillomanie beschäftigt, Hierbei ging es um eine eher diagnostische Untersuchung mit dem Ziel, soviel Informationen wie möglich über TTM zu erhalten, da im deutschsprachigen Raum, außer einigen Fallschilderungen, keine Literatur existierte.
Bei dieser Studie gab es eine überraschend gute Beteiligung (mehr als 100 Betroffene aus ganz Deutschland), Auf Grund des großen Bedarfs wurde dann eine weitere Studie begonnen (diese läuft seit Oktober 1996), in der es um Möglichkeiten der Behandlung geht. Patienten können hierbei zwischen einer ambulanten Verhaltenstherapie und einer medikamentösen Behandlung wählen. Diese Untersuchung wird Ende dieses Jahres abgeschlossen sein.

Mit Annett Neudecker sprach Astrid Krüger.

aus Intra Nr. 45 / Herbst 2000
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(c) Astrid Krüger

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