Wie ist es möglich, dass die meisten Betroffenen mit Trichotillomanie
bereits jahrelang an dieser Erkrankung leiden und nicht einmal wissen, dass
es eine ist bzw. wie sie heißt?
Trichotillomanie hat es wahrscheinlich schon immer gegeben. Allerdings hat
sich bis vor ca. 15 Jahren kaum jemand dafür interessiert, da die
Störung so selten diagnostiziert wurde.
Dies ist zum einen sicherlich auf Unwissen von Ärzten und Therapeuten
zurück zuführen; andererseits kommt die Wissenschaft ja meist erst
dann in Gange, wenn ein wirklicher «Bedarf» erkennbar ist.
Betroffene, die nichts über die Störung wissen, (erst in den letzten
Jahre erfahren wir über die Massenmedien, dass es «so etwas»
gibt) haben sich oft für ihre «Macke» geschämt und sich
nicht zum Arzt getraut.
Wenn doch, haben viele schlechte Erfahrungen gemacht, da das Problem oft
unterschätzt wurde. Dies ist eine Art Teufelskreis, der wieder dazu
führt, dass kaum jemand mit TTM zum Therapeuten kam.
Viele Betroffene glauben, dass Ihnen auch eine Psychotherapie nicht helfen
kann. Sie sind mutlos, glauben, dass sie schon alles versucht haben. Es ist,
als ob sie in der Trichotillomanie gefangen wären. Was spricht dafür,
es dennoch zu versuchen?
«Psychotherapie» ist ein weiter Begriff. Wenn sogar mehrere Therapien
nicht gewirkt haben, heißt das noch lange nicht, dass jemandem nicht
geholfen werden kann.
Nicht jede Therapieform ist geeignet. Außerdem ist TTM mehr als eine
bloße «Gewohnheit»; sie ist meiner Erfahrung nach ein
äußerst hartnäckiges Problem, für dessen Bearbeitung
man viel Motivation und Geduld braucht (hierbei meine ich in erster Linie
die Patienten).
Für erneute Versuche spricht aus meiner Sicht, dass sich die
Therapiemethoden in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt haben, obwohl
die Grundansätze sicher immer noch gültig sind (am besten kann
ich das für die Verhaltenstherapie beurteilen).
Und auch die Therapeuten waren nicht faul: Viele haben heute auch Erfahrung
in der Therapie von Zwangs- und Zwangsspektrums-Erkrankungen und sind aus
meiner Sicht damit für die Behandlung von TTM qualifiziert, auch wenn
sie es vielleicht noch nie gemacht haben. Außerdem gibt es jetzt auch
die Möglichkeit, das Haare ausreißen mit i.d.R. gut
verträglichen Medikamenten zu behandeln.
Welche Art der Psychotherapie kommt In Frage?
Wie verläuft eine solche Therapie?
Aus meiner Sicht sollte es unbedingt eine Verhaltenstherapie sein. Es reicht
nicht, nur zu verstehen, warum man Haare ausreißt (was man z.B. auch
in einer Gesprächs oder analytischen Therapie herausfinden kann).
Auf Grund der Hartnäckigkeit der Störung und des Gewohnheitsfaktors
ist auch ein konkretes symptombezogenes Trainingsprogramm erforderlich, um
das Haare ausreißen zu reduzieren. Zusätzlich kann man mit
Verhaltenstherapie auch sehr gut die oft massive Problematik im Hintergrund
des Symptoms bearbeiten (z.B. Depressivität, soziale Ängste etc.).
Was spricht für oder gegen eine Unterstützung der Therapie durch
Medikamente?
Bei TTM setzt man meist sogenannte Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer
(SSRI) ein, aber auch andere Präparate wie Clomipramin oder Anafranil
sind wirksam. Eine alleinige medikamentöse Behandlung hilft meist nur
über die Dauer der Einnahme, kann aber auch schon wertvolle Impulse
für eine psychotherapeutische Fortsetzung geben, ganz abgesehen davon,
dass sie in vielen Fällen relativ schnell den Leidensdruck mindert.
Ich würde nicht generell eine Verhaltenstherapie medikamentös
unterstützen, es sei denn, dass eine zusätzliche Depressivität
das Vorankommen in der Therapie erschwert. In diesem Fall ist ein Medikament
natürlich sehr hilfreich. Wenn es jedoch so gut wirkt, dass die TTM
völlig aufhört, gibt es natürlich wenig Ansätze für
Symptomtraining und -beobachtung. Ich denke, dies sollte jeder Therapeut
gemeinsam mit ihrer Patientin individuell entscheiden. Viele Patienten wollen
es erfahrungsgemäss sowieso erst einmal ohne «Pillen» versuchen.
Ein Teil der Betroffenen leidet zusätzlich an Angstzuständen,
Panikattacken oder Depressionen. Gibt es hier Zusammenhänge zur
Trichotillomanie oder ist das Auftreten eher unabhängig von einander?
Auch hier gibt es individuelle Unterschiede. Angst und Panik im Sinne der
«klassischen» Angststörungen entwickeln sich meist erst im
jungen Erwachsenenalter, also nach Erstauftreten der TTM. Depressive
Verstimmungen können natürlich sekundär als Folge der durch
die TTM verursachten Selbstwertminderung entstehen. Sie spielen aus meiner
Sicht jedoch oft eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der TTM. Wir
verfolgen hier in Hamburg die Hypothese, dass das Haare ausreißen u.A.
auch eine wichtige und sehr effektive «Bewältigungsmethode»
im Umgang mit einer negativen emotionalen Befindlichkeit ist. Haare
ausreißen lenkt ab, entspannt kurzfristig, tröstet etc. Genereller
Schwerpunkt dieses Ansatzes ist das Nichtwahrnehmen von Gefühlen bzw.
die Sorge, damit nicht umgehen zu können und überflutet zu werden
(was ebenfalls ein Mechanismus der Angststörungen ist).
Annett Neudecker arbeitet an der Verhaltenstherapie-Ambulanz in Hamburg-Eppendorf
(Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie).
Bereits in ihrer Diplomarbeit hat sie sich mit Trichotillomanie
beschäftigt, Hierbei ging es um eine eher diagnostische Untersuchung
mit dem Ziel, soviel Informationen wie möglich über TTM zu erhalten,
da im deutschsprachigen Raum, außer einigen Fallschilderungen, keine
Literatur existierte.
Bei dieser Studie gab es eine überraschend gute Beteiligung (mehr als
100 Betroffene aus ganz Deutschland), Auf Grund des großen Bedarfs
wurde dann eine weitere Studie begonnen (diese läuft seit
Oktober 1996), in der es um Möglichkeiten der Behandlung geht.
Patienten können hierbei zwischen einer ambulanten Verhaltenstherapie
und einer medikamentösen Behandlung wählen. Diese Untersuchung
wird Ende dieses Jahres abgeschlossen sein.
Mit Annett Neudecker sprach Astrid Krüger.
aus Intra
Nr. 45 / Herbst 2000
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(c) Astrid Krüger
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