Astrid Krüger: Trichotillomanie - Zwanghaft Haarezupfen ohne Ende
Im Alter von acht Jahren begann Michaela, sich an den Wimpern zu ziehen. Mit der Zeit zupfte sie auch an ihrem Kopfhaar, bis sie kahle Stellen hatte. Was damals niemand wusste: Michaela litt an einer noch wenig bekannten psychischen Störung, der Trichotillomanie.
Text: Astrid Krüger, Fotos: Christine Zenz
Michaela ist acht Jahre alt, als sie mit dem Haare ausreißen beginnt. Damals erlebt sie den Unfall ihrer besten Freundin Susanne mit und gibt sich selber die Schuld daran. Susanne und Michaela haben an diesem Tag die Fahrräder getauscht. Dann passiert es: Susanne stürzt unglücklich und schlägt mit dem Kopf auf den Bordstein auf. Sie erleidet einen Schädelbasisbruch.
Als Michaela Susanne so daliegen sieht, glaubt sie zunächst, dass diese einen Witz macht. Erst dann sieht Michaela das Blut und begreift, was wirklich passiert ist. Glücklicherweise passiert all das fast vor der Haustür der beiden. Denn Michaela erleidet einen Schock und schreit so laut, dass die ganze Nachbarschaft zusammenläuft. Dennoch reagiert sie umsichtig und will sofort den Notarzt benachrichtigen, was ihr der Vater jedoch abnimmt. Noch Stunden später befindet sich Michaela in einem Schockzustand. Abwechselnd ist sie völlig teilnahmslos oder weint. |
| Eine ausgefallene Wimper als Glücksbringer
In jener Zeit fällt Michaela ein, dass ihr die Mutter irgendwann erzählt hat, es bringe Glück, eine ausgefallene Wimper wegzupusten. Fortan hilft Michaela ihrem Glück etwas nach und zupft ihre Wimpern aus, um sie wegzupusten. Einen Zusammenhang zwischen diesem Verhalten und dem Unfall sieht sie damals noch nicht.
Obwohl Susanne nach dem Unfall wieder ganz gesund wird, kann Michaela nicht mehr aufhören, an den Wimpern zu ziehen. Schließlich geht sie dazu über, auch am Haupthaar zu zupfen. Dazu kämpft Michaela mit starken Angstzuständen. Sie hat Furcht vor Toten und der Dunkelheit. Als sie im Alter von zehn Jahren eines Abends das Badezimmer verlässt und ihr der Bruder aus dem gegenüberliegenden dunklen Raum im weißen T-Shirt entgegenkommt, erleidet Michaela einen neuerlichen Schock. Sie schreit stundenlang und kann fortan nicht mehr alleine sein. Die Angstzustände werden so schlimm, dass die Eltern sie deshalb und wegen dem Haareziehen zu einem Psychologen bringen. An die Therapie, eine Psychoanalyse nach Freud, kann sie sich kaum noch erinnern. Außer, dass sie ihr nicht geholfen hat und sowohl das Haare ausreißen als auch die Angstzustände bleiben. Statt dessen beginnt sie mehr und mehr an sich zu zweifeln und hegt sogar Selbstmordgedanken. Ihre Eltern versuchen sie am Haarezupfen zu hindern, indem sie ihr Handschuhe und ein Kopftuch anziehen. Doch nichts dergleichen hilft. Es vergrößert höchstens noch ihre Schamgefühle. Am Anfang der Pubertät wird es ganz besonders schlimm. Überall sind kahle Sollen zu sehen und in der Schule wird sie oft ausgelacht. Auch die Ängste quälen sie mehr denn je. Deshalb bringen die Eltern sie zu einer Kinderpsychologin, die mit Verhaltenstherapie arbeitet. Dort lernt Michaela, einen Nachweis darüber zu führen, wie oft am Tag sie der Drang überkommt, an den Brauen oder Wimpern zu ziehen. Sie versucht einen Merkkalender zu führen, in dem sie genau festhält, wann sie am meisten zupft. Damit möchte sie auch herausfinden, bei welchen Gelegenheiten es passiert. Meist sind Stress oder Langeweile die Auslöser.
Kahle Stellen auf dem Kopf Ihre Familie, Mutter, Vater und der Bruder, ist von Anfang an über ihr Problem informiert. Doch es dauert lange, bis sie verstehen, dass die Trichotillomanie willentlich nicht zu beeinflussen ist. Der Vater hat öfters davon gesprochen, dass er es doch auch geschafft hätte, sich das Rauchen abzugewöhnen. Der Bruder hat sich für Michaela geschämt. Er hat es als belastend empfunden, wenn wieder einmal kahle Stellen auf ihrem Kopf zu sehen waren. |
Dennoch hält die Familie immer zusammen. Ihre Eltern und ihr Bruder sind die einzigen, mit denen de offen und ohne Scham darüber sprechen kann. Auch heute noch bezeichnet Michaela das Verhältnis zu Eltern und Bruder als ausgezeichnet. Oft genug wollten ihr Psychologen einreden, dass ihr Problem an der Familie liegen müsse, da das bei Zwangserkrankungen dieser Art häufig der Fall sei. In der Verhaltenstherapie lernt Michaela auch, offen über ihre «dumme Angewohnheit» und ihre Ängste zu sprechen. Michaela geht sogar dazu über, ihre Klassenkameraden zu bitten, sie darauf aufmerksam zu machen, wenn es mal wieder soweit ist und sie an den Haaren zupft. Im Alter von etwa 17 Jahren erfährt Michaela durch eine Sendung im Fernsehen, dass ihr Problem einen Namen hat - Trichotillomanie. Sie hört zum ersten Mal, dass viele weitere Frauen auch daran leiden. Danach beginnt sie Kontakte über das Internet aufzunehmen und telefoniert mit Leidensgenossinnen. Noch heute ist Michaela erstaunt, wie findig andere darin sind, ihre «Trich» zu verstecken, sei es mit Perücken oder durch geschickte Frisuren. Darin war sie nie ein Meister. Vielleicht ist auch gerade diese Offenheit ihre Chance, denn trotz ihres Problems versucht sie ein normales Leben zu führen, ohne verstecken zu spielen.
Stofftier als Ersatz Mit Hilfe der Kindertherapeutin bekommt sie die Angst und das Haareziehen weitestgehend in den Griff. Es hilft ihr sehr, ein Tagebuch zu führen. Dadurch kann sie sich bewusst machen, wann und warum es zu solchen Situationen kommt. Diese Kenntnis hilft ihr, dem Drang zu widerstehen, bis er von selber mehr und mehr nachlässt. Als Ersatz bekommt Michaela von der Therapeutin ein Stofftier geschenkt. Statt sich selber die Haare auszuziehen, soll sie an dem Tier zupfen. Die Therapeutin arbeitet auch mit Belohnungen, wenn Michaela es schafft, dem Drang zu wiederstehen. Als Therapie gegen die Angst wird Michaela von ihr vorsichtig an die Auslöser herangeführt: Gespräche über schlimme Träume, spielerische Auseinandersetzung nah der Angstsituation des Unfalls ihrer Freundin und schließlich Bilder von Totenköpfen, die sie irgendwann, ohne Panik zu bekommen, ansehen kann.
Heute führt Michaela ein weitgehend normales Leben. Ihre Trichotillomanie fällt kaum noch auf und die Ängste treten immer mehr in den Hintergrund. Dennoch ist Michaela bis heute nicht gerne alleine. Deshalb lebt sie in einem Studentenheim. Es käme für sie nicht in Frage, sich ganz alleine eine Wohnung zu suchen und dort zu leben. Auch mit Beziehungen tut sie sich schwer. Noch immer fühlt sie sich unwohl, wenn jemand ihr zu nahe kommt und so sehen könnte, dass sie keine Wimpern hat. Ihre besten Freunde wissen, dass sie Trichotillomanie hat und akzeptieren sie so, wie sie ist. Dennoch ist sich Michaela nicht ganz sicher, ob sie genau wissen, was diese Krankheit beinhaltet oder aber, ob sie versuchen, um Michaelas willen, sie einfach zu ignorieren.
Interview: «Betroffene haben sich für
ihre 'Macke' geschämt» |
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