Interview zum Buch

 

 

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Autor: Walk, Angelika
Verlag: Lübbe
Jahr: 2002
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Interview zum Thema Depressionen auf Basis des Buches "Ich sah in den Spiegel und erkannte mich nicht" von Angelika Walk

Angelika Walk, Jahrgang 1960, gelernte Arzthelferin, Mutter von zwei Kindern, ist 33 Jahre alt, als sie die Erfahrung macht, daß ihr Leben so nicht mehr weitergehen kann. Unerklärliche Magenschmerzen machen ihr schon lange Zeit das Leben zur Hölle, bis die richtige Diagnose gestellt wird - Depressionen. Sie entschließt sich zu einem Klinikaufenthalt, der von Erfolg gekrönt ist und ihr Leben wieder in die richtigen Bahnen lenkt.

Ihre Geschichte hat sie in dem Buch "Ich sah in den Spiegel und erkannte mich nicht", erschienen bei Bastei-Lübbe, veröffentlicht. Damit hofft sie auch vielen anderen Menschen den Mut zu geben, sich ihrer Krankheit zu stellen und sie damit letztendlich zu überwinden.

Wie kann ich mir Ihr Leben vor den Ereignissen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, vorstellen?

Nach meinem Empfinden hatte ich eine glückliche Kindheit - bis zum Alter von acht Jahren. Ab diesem Zeitpunkt nahm ich mein direktes Umfeld wesentlich sensibler war und schnupperte in die für mich so grausame Erwachsenenwelt meiner Eltern hinein. Es ging um Scheidungsanträge, die wieder zurückgenommen wurden, Alkoholprobleme, chronischen Geldmangel, Eheprobleme und vieles mehr.

Damals beschloß ich ernsthaft niemals erwachsen werden zu wollen! Leider ließ sich das jedoch nicht auf Dauer verhindern. Ich sehe hierin auch die Ursache für das extrem kindliche in mir, das ich erst lernen mußte ins richtige Verhältnis zu bringen.

Trotzdem wurde ich pünktlich eingeschult, machte 1975 die Mittlere Reife und danach eine Ausbildung zur Verkäuferin. Leider ging einiges schief, so daß ich die Lehre schmiß und mich entschloß Arzthelferin zu werden.

Noch während der Ausbildung lernte ich meinen ehemaligen Mann Gerd kennen und heiratete ihn schon kurz nach den Prüfungen. Nachdem ich keine Arbeitsstelle fand, entschloß ich mich statt dessen, mich ganz meiner Familie zu widmen. So kam 1982 mein Sohn Michael und 1985 meine Tochter Stefanie zur Welt.

Als sie alt genug waren, wäre ich gerne wieder arbeiten gegangen, doch das erwies sich als äußerst schwierig. Ich war einfach zu lange nicht berufstätig gewesen. Lächeln muß ich heute noch, wenn ich darüber nachdenke, wie oft ich mit Leidenschaft mein Hausfrauen- und Muttersein verteidigen mußte. Und ich war es wirklich aus voller Überzeugung. Das sehe ich auch heute noch so.

So machte ich einen Fortbildungskurs, der sich im Nachhinein als unsinnig erwies, weil keine meiner damaligen Mitschülerinnen einen Arbeitsplatz bekam. Ich selbst natürlich auch nicht. Dann fand ich einen Job in den Abendstunden bei der Post. Leider war dieses Arbeitsverhältnis nur für zwei Jahre befristet, so daß ich wieder arbeitslos wurde.

Zwischendurch arbeitete ich für meinen Mann, der sich vor Jahren schon selbstständig gemacht hatte. Dies erwies sich als äußerst schwierig, da man es ihm einfach nicht recht machen konnte. Die Frau seines Geschäftspartners übernahm dann die Büroarbeit und ich war ihr äußerst dankbar. Die Kinder mußten in all den Jahren schon zu sehr auf ihren Vater verzichten, da sollten sie nicht auch noch auf die Mutter verzichten müssen.

Ihr Buch beginnt damit, daß Sie irgendwann in den Spiegel sahen und sich selbst nicht mehr erkannten. Die Ursache hierfür waren Depressionen. Wie kam es dazu?

Wenn ich das nur selbst genau wüßte! Ich erinnere mich lediglich daran, daß ich eines Tages das Gefühl hatte, nicht zu meinem Spiegelbild zu passen. Vermutlich ist es schon Jahre vorher geschehen, ohne mir jedoch bewußt zu sein. Denn, wenn ich heute darüber nachdenke, weiß ich, daß ich schon vorher den Blick in den Spiegel vermieden habe. Das läßt sich an der Tatsache erkennen, daß ich mich nicht schminken wollte - nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor meinem eigenen Bild. Aber dies erkannte ich erst bei meinem späteren Klinikaufenthalt.

Ist Ihre Erkrankung plötzlich aufgetreten oder mußten Sie letztendlich erkennen, daß es sich um einen langwierigen Prozeß gehandelt hat, den Sie vorher jedoch nicht bemerkten?

Mir persönlich kam es sehr plötzlich vor. Nachdem ich in der Klinik war, mußte ich jedoch erkennen, daß dies ein jahrelanger Prozeß war, der erst 1991 sein ganzes Ausmaß erreicht hatte. Danach dauerte es noch weitere zwei Jahre, ehe ich mir selbst eingestehen konnte, daß ich sehr krank war.

Haben Sie überhaupt eine Erinnerung daran, wann und wie alles angefangen hat?

Nein. Ich weiß nur, daß ich die letzten vier Jahre vor dem Klinikaufenthalt von einem Arzt zum anderen gelaufen bin, weil ich Magenschmerzen hatte. Man hat alles mögliche untersucht, teilte mir jedoch immer wieder mit, ich hätte nichts. Also fühlte ich mich immer mehr als Simulantin. So bezeichnete mich zum guten Schluß auch mein gesamtes Umfeld. Nur meine Kinder litten mit mir mit, weil die Schmerzen so real waren. So verdammt REAL.

Worin sahen Sie selbst zu diesem Zeitpunkt die Ursache für Ihre Schmerzen?

Zuerst dachte ich, daß ich Magengeschwüre hätte. Dann verdichtete sich in mir die Annahme, Krebs zu haben. Und das machte mir große Angst.

Hatten Sie noch weitere Symptome, die Sie im Nachhinein den Depressionen zuordnen konnten?

Circa zwei Jahre vor Beginn der Therapie litt ich ständig an Gehörgangsentzündungen, nach meinem Klinikaufenthalt jedoch nie wieder. Daher vermute ich, daß auch diese Krankheit rein psychosomatischer Natur war.

Wie reagierte Ihre Familie darauf, daß Sie krank waren?

Mein damaliger Mann Gerd ignorierte meinen Zustand, wie so vieles andere im Leben auch. Meine Kinder ahnten, daß etwas mit ihrer Mutter nicht stimmte. Sie waren in der Zeit bis zu meinem Klinikaufenthalt besonders aufmerksam und hatten riesige Lauscher, die alles mitbekamen.

Es war sehr traurig für mich zu sehen, wie meine Kinder plötzlich so erwachsen sein mußten. Besonders die Streitereien zwischen meinem Mann und mir waren nicht besonders gut für ihr Seelenheil. Daran mußte ich ständig denken, wenn es mal wieder so richtig krachte zwischen uns Eltern. Ich saß da, hatte ob all der schlimmen Ereignisse in meinem Leben das Gefühl nicht ganz richtig im Kopf zu sein, und befürchtete, daß es meinen Kindern ähnlich ergehen könnte wie mir. Und das will man schließlich als verantwortungsvolle Mutter nicht. Ich ließ mich ständig dazu hinreißen, ihnen zu versprechen, daß es keinen Streit mehr gäbe, aber ich konnte mein Wort nicht halten. Das machte mich erst recht fertig.

Und als ich endlich in der Klinik war, glaubte mein Mann, ich würde Urlaub auf seine Kosten machen. Ich glaube, jedes weitere Wort erübrigt sich da.

Haben Ihre Kinder mitbekommen, was mit der Mutter los war?

Wie ich bereits sagte, sie bekamen alles mit, konnten es jedoch nicht einordnen. Wörter wie Psychologie und Seelenheil wurde bei uns vermieden. Und wenn einem die Nachbarn durch den Flur hinterher schreien: Du gehörst in die Beklopptenanstalt. Wie soll man so etwas seinen eigenen Kindern näherbringen?

Ich habe versucht, es ihnen zu erklären, und mir schien, als würden sie es verstehen. Sie ließen mich los, in dem Moment als ich zur Klinik fuhr, ohne es mir schwer zu machen. Doch leider war alles ganz anders, als sie mich das erste Mal in der Klinik besuchten. Es war traurig mit ansehen zu müssen, wie zwei sonst sehr kontaktfreudige und selbstbewußte Kinder plötzlich vor Angst stumm waren, sich vor Unsicherheit an die Mutter klammerten. Ich weiß nicht, was man ihnen in meiner Abwesenheit erzählt hat, aber noch heute bin ich wütend darüber. Denn sie müssen sehr schlimme Dinge über die Klinik gehört haben - man sah und spürte es ganz deutlich.

In welcher Situation befanden Sie sich beruflich sowie privat vor Ihrem Aufenthalt in der Klinik?

Ich war arbeitslos, hatte privat jede Menge Ärger am Hals. Dazu war circa eineinhalb Jahre zuvor mein Vater verstorben, mit dem ich so gerne noch einiges besprochen hätte. Ich hegte ihm gegenüber massive Schuldgefühle und hätte so gerne noch einiges geklärt. Aber er war vollgepumpt mit Schmerzmitteln, so daß ich dankbar war, einfach nur bei ihm sein zu können bis zu seinem letzten Atemzug.

Wie kam es dazu, daß Sie sich zu einem Klinikaufenthalt entschieden?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, doch letztendlich: Es war die Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Die Liebe zu ihnen hat mir die Kraft gegeben, diesen Entschluß zu fassen. Denn was sollen halbwüchsige Kinder mit einer Mutter, die nicht mehr ansprechbar ist, die durch Antidepressiva in einer Nebelwelt lebt, nichts mehr von ihren Sorgen mitbekommt und ihnen keine Stütze mehr ist. Denn die Situation hatte sich so zugespitzt, daß ich diese Tabletten schlucken mußte.

Wer hat die Klinik ausgesucht?

Der Neurologe, bei dem ich in Behandlung war. Auf diesen Wege noch mal ein dickes Dankeschön für sein schnelles Handeln. Ich kann es nicht oft genug wiederholen.

Welchen ersten Eindruck hatten Sie, als Sie dort ankamen?

Beim Vorgespräch nahm ich nicht viel wahr. Denn ich war so apathisch, daß es mir heute noch Angst macht. Da war in mir noch alles tot.

Als ich dann zum vereinbarten Termin zum Behandlungsbeginn eintraf, hatte ich einfach nur Angst, Angst und noch einmal Angst. Ich hatte die Befürchtung in einer Klinik für "Bekloppte" angekommen zu sein.

Was mir allerdings sehr schnell auffiel, war die Ruhe, die einen umgab. Eine Ruhe, die ich sehr schnell genoß und annehmen konnte. Die Sprache der Therapeuten, die Art wie sie mit einem umgingen, niemals kam auch nur eine Spur von Hektik oder Aufregung auf.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, daß genau zu diesem Zeitpunkt alle negativen Erlebnisse aus Ihrem bisherigen Leben hochkamen. Worauf führen Sie das zurück?

Wieso genau zu diesem Zeitpunkt? Ich denke, es lag an den Therapien. Sie führen einen zur Selbsterkenntnis, bewirken, daß man sachlicher über die Vergangenheit nachdenkt. Vielleicht ist sachlich nicht das richtige Wort dafür. Ich versuche es an einem Beispiel zu erklären:

Es machte mich rasend, daß meine Mutter in ihrer Trauer um ihren verstorbenen Ehemann keine Rücksicht auf andere nahm. Sie verängstigte ihre Enkelin mit ihrem Weinen und dem so entsetzlich schmerzhaften Klammern. Klammern meine ich wörtlich, sie nahm sie in den Arm und drückte ihren Schmerz auf dieses Kind, das gerade einmal sechs Jahre alt war. Anstatt mit ihr vernünftig darüber zu reden, wurde sie aggressiv oder zog sich zurück. Ich war lange Zeit einfach nur stinksauer. In der Therapie erkannte ich, daß auch meine Wut aus der Trauer heraus entstanden war und ich nur wütend war, weil sie es zeigen konnte und ich nicht.

Was ich gelernt habe dadurch? Heute würde ich meine Mutter sanft zur Seite ziehen, sie trösten und später mit ihr über das Problem, die verängstigte Tochter und Enkelin, reden. Man hätte so viele Mißverständnisse verhindern können. Nein, ohne Therapie hätte es vermutlich noch Jahre gedauert, ehe ich meine Emotionen wirklich kennengelernt und verstanden hätte.

Welche Therapien wurden in der Klinik durchgeführt?

- Gespräche mit dem zugewiesenen Arzt - Einzelgespräche

- Autogenes Training/Meditation - eine abgeschwächte Form der Selbsthypnose

- Musiktherapie passiv - man liegt auf einer Matte am Boden und läßt die Musik auf sich wirken, die man vorgespielt bekommt

- Musiktherapie aktiv - freie Bewegung nach Musik bzw. vorgegebenen Bewegungsabläufen

- Sensitivtherapie - (Körpererfahrung durch vorgegebene Erfahrungen)

- Hypnose - Tiefenentspannung durch Hypnose

Das sind die Therapien, die ich verordnet bekam. Es gab noch so viele andere Möglichkeiten von Therapien, die ich nicht kennenlernen durfte. Wer mehr darüber wissen will kann sich die Website anschauen der Klink anschauen: http://www.burghofklinik.de

Welche Therapie brachte letztendlich am meisten oder war es eher eine Kombination aller Behandlungen?

Ich denke, es war die Kombination aus all dem. Am besten gefallen hat mir jedoch die Hypnose, obwohl ich davor am meisten Angst hatte. Es war phantastisch und ein paar Worte genügen nicht, um es zu beschreiben.

Ich versuche es trotzdem: Der Arzt versucht durch Augenkontakt eine Hypnose zu erreichen. (Nur wenn man sich darauf einläßt, funktioniert das auch!) Dann wird man ganz ruhig, entspannt und die Atmung verändert sich, wird langsamer. Es ist einem dann wirklich besonders wohl dabei. Aber man ist nicht so weggetreten, daß man nichts mehr mitbekommt.

Denn jedes Mal, wenn der Arzt zum Bett einer Mitpatientin ging, konnte ich seine Worte verfolgen. Aber es interessiert einen dann nicht so sonderlich, was er dort erzählt, denn inzwischen ist man so entspannt, daß man nur mit halbem Ohr zuhört.

Warum ausgerechnet die Hypnose?

Weil die Tiefenentspannung enorm war. Ich glaube, daß gerade diese Therapie mein Selbstbewußtsein hat wachsen lassen.

Und warum hatten Sie gerade vor dieser Behandlungsmethode am meisten Angst?

Ich hatte vorher im Fernsehen oft genug Shows gesehen, in denen sich Leute die Finger verbrennen, sich plötzlich ausziehen... und das alles nur, weil ein Hypnotiseur es ihnen sagte. Ich habe allerdings immer bezweifelt, daß diese Leute das freiwillig machen.

Deshalb hatte ich große Angst, daß man in der Hypnose Dinge mit mir veranstaltet, die ich nicht will. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, daß man den Zustand, in den man kommt, jederzeit abbrechen kann, wenn man will.

Was wurde letztlich aus ärztlicher Sicht als Ursache für Ihre Depressionen ermittelt?

Viele Faktoren. Kindheitserlebnisse, Jugenderlebnisse bis hin zu dem Leben, das ich bis zu meiner Kur lebte. Der Auslöser allerdings war der Tod meines Vaters. Er hatte mich ganz aus der Bahn geworfen.

Worin sehen Sie selbst die Hintergründe?

Ich sehe es wie die Ärzte. Ich glaube, all die Geschehnisse in den letzten Jahren waren zu massiv. Schwiegereltern, Tod der Schwägerin, Tod des eigenen Vaters und viele andere unschöne Begebenheiten. Es war einfach zuviel für einen sensiblen Menschen.

Einen nahen Verwandten zu verlieren, ist für jeden ein Schock. Was machte das Verhältnis zu Ihrem Vater so besonders, daß Sie es als endgültigen Auslöser für Ihre Erkrankung ansehen?

Ich hatte ihn viele Jahre mit falschen Augen gesehen. Ich hatte viele Fragen an ihn, ich hatte ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber für mein dummes Verhalten als Jugendliche. Und ich hatte viele Jahre meine Liebe und Sehnsucht zu ihm unterdrückt. Seine Krankheit und meine Hilflosigkeit ihm meine Liebe zu gestehen, machten mich absolut fertig.

Als er dann endgültig von mir ging, hatte ich alle Fragen und all die Liebe zu ihm beantwortet, ohne daß wir viel geredet hatten. Dazu diese Wärme, die ich von ihm empfing, als er ging. Das alles ging einfach über meinen Verstand.

In Ihrem Buch erwähnen Sie immer wieder einen Mitpatienten namens Mike, der für Sie augenscheinlich eine besondere Bedeutung hatte, wenn auch auf einer rein platonischen Ebene. Inwieweit war die Beziehung zu Mike wichtig für die Kur?

Mike! Ja Mike! Sie sollten jetzt einmal das Lächeln auf meinen Lippen sehen. Mike war mein Mentor in dieser Zeit. Mike war so anders als all die anderen. Er hörte mir unendlich geduldig zu. Er brachte mir bei, die Dinge von zwei Seiten zu sehen. Und er war Erinnerung, Erinnerung an meinen Vater. Seine ganze Art, wie er sich gab, diese Ruhe, die er ausstrahlte, erinnerte mich an meinen Daddy.

Als ich erkannte, daß er auch ein männliches Wesen war, war die Kur glücklicherweise zu Ende. Mein etwas euphorischer Zustand hätte vielleicht zu Komplikationen führen können. Aber Mike war nicht der Mann, der mich von meinen mir vorgefertigten Plänen hätte abbringen können. Ich glaube, er war sehr wichtig für meine Entwicklung während der Kur. Daher bezeichnete ich ihn immer als meinen Privattherapeuten. Weil er mit mir viel über meine Erlebnisse in den Therapien diskutierte und half, vieles zu erkennen. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, daß sein Krankheitsbild auch für ihn sehr schwierig war. Jedoch konnte ich ihm da nicht weiterhelfen.

War es für Sie wichtig, einen Menschen wie Mike an Ihrer Seite zu haben?

Ohne ihn wäre ich niemals soweit gekommen, wie ich nach drei Wochen war. Meine Therapie hätte mit Sicherheit viel, viel länger gedauert. Eben, weil er mich immer wieder mit den Dingen, die ich erlebte, konfrontierte und mich zum Nachdenken zwang.

Inwieweit war die Beziehung zu Mike wichtig für Ihre weitere Entwicklung?

Insofern, als ich vieles, das ich von ihm lernte, zu Hause weiter nachvollzog, ganz besonders die Art, Dinge und Probleme von allen Seiten zu betrachten. Das tue ich heute noch. Zum Beispiel abzuwägen welche Reaktionen sinnvoll oder unsinnig sind. Man sollte meinen, daß dies im Leben Voraussetzung ist. War es bei mir aber ganz und gar nicht.

Wie war das Verhältnis zu den anderen Patienten? Hat es Sie ebenfalls weitergebracht?

Ich hatte auch noch zu anderen Patienten sehr intensive Bindungen. Wir haben über uns, unsere Probleme und unser Verhalten diskutiert. Diese vielen Meinungen und Gespräche hatten einigen Einfluß auf meine Veränderungen. Ich bin vielen Mitpatienten dankbar für ihre Ausführungen und Hinweise. Man hat mich darum gebeten, diese Geschichten nicht weiter zu geben, so daß ich an dieser Stelle auch nicht weitererzählen möchte.

Bestehen heute noch Kontakte zu irgend jemandem von ihnen?

Am Anfang habe ich zu einigen besonderen Mitpatienten noch Kontakte unterhalten, doch die meisten verloren sich irgendwann. Die längsten hielten bis vor einigen Monaten.

Mike meldete sich in unregelmäßigen Abständen, bis er in Rente ging. Dann hörte ich nichts mehr von ihm. Das beunruhigte mich und ich befürchtete, daß es ihm sehr schlecht gehen müßte. Daher rief ich einfach bei ihm an. Ich erfuhr, daß er pensioniert worden war, sich sehr wohl fühlte und sein Leben genoß. Das freute mich ungemein, wir tauschten die sogenannten Neuigkeiten aus und wünschten uns alles Gute. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich weiß nicht wieso, aber ich finde, es ist richtig so. Wenn es ihm schlecht gehen würde, denke ich, daß er sich wieder melden wird. So war es zwischen uns in all den Jahren. Zumeist rief ich an, wenn ich mal wieder tief am Boden war, und er half mir mit seinen Gesprächen wieder auf die Beine, gab mir Kraft zum Weitermachen.

Mit einer Freundin aus meiner Klinik-Zeit gab es einen bösen Krach, weil ich ihr wohl das Spielzeug weggenommen hatte - meinen jetzigen Ehemann, den ich über sie durch das Internet kennenlernte. Als sie ihn nicht mehr haben konnte, da wurde sie sehr wütend, sogar aggressiv.

Es ist schade um diese Freundschaft, aber es ist auch sehr enttäuschend, wenn man erkennen muß, daß man nur zur Profilierung gedient hat. Schließlich hatte ich ja ein Buch geschrieben, in dem auch sie vorkam. Davon erfuhr ich jedoch nur per Zufall, denn mein Mann erzählte mir zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens, wie oft sie von ihrer Schriftsteller-Freundin erzählte und immer wieder darauf hinwies, daß auch sie in diesem Buch erwähnt wäre.

Ich habe heute mit dieser Enttäuschung abgeschlossen und hoffe für sie, daß sie bald den Partner ihres Lebens findet. Dafür wünsche ich ihr alles Glück auf dieser Erde. Daß, was sie mir einst bedeutet hat, ist für immer verloren gegangen, aber die Erinnerung ist schön und wird durch dieses Erlebnis nicht geschmälert.

Wie ging Ihr Leben nach der Kur weiter?

Nach dem zweiten Besuch meines damaligen Ehemanns Gerd während meiner Therapie in der Klinik, der in einem Fiasko endete, beschloß ich die Scheidung einzureichen. Das schien bei meinem Mann Veränderungen zu bewirken, die mich davon überzeugten, daß er bereit war, sich unserer Ehe endlich einmal anzunehmen und zu widmen.

Bis er anfing, sich die alte Angelika zu wünschen. Zuerst hab ich nicht verstanden, was er eigentlich meinte, aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war nicht mehr die angepaßte und immer nachgiebige Angelika, die ich früher einmal war. Ich setzte mich für die Rechte meiner Kinder, aber endlich auch für meine eigenen ein. Ein halbes Jahr später ging er mit meiner besten Freundin fremd.

Ich versuchte den beiden zu verzeihen, aber mein Mann machte keinerlei Anstalten etwas zu tun, damit ich vergessen konnte. Die Freundin, mit der wir in einem Haus lebten, zog sich langsam zurück. Sie hatte lange Gespräche mit mir geführt und sich tausendmal entschuldigt. Ich glaubte ihr.

Da ich das Leben meiner Kinder und ihrer Kinder nicht zerstören wollte, lebte ich noch fünf weitere Jahre im Haus meines Mannes. In jener Zeit war ich dann bereits in der Umschulung zur Buchbinderin. Ich erhoffte mir durch die Ausbildung und das zu erwartende Einkommen das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Aber das ertrug ich seelisch nicht mehr, zumal mir klar wurde, daß er mich zu einem Abziehbild dieser Person machen wollte.

Als alles zuviel wurde, ging es sehr schnell und ich trennte mich von ihm. Ein Jahr später wurde ich geschieden und wollte in meinem Leben nie wieder eine Beziehung eingehen. Ich änderte meine Einstellung jedoch, als ich meinen jetzigen Mann kennenlernte.

Auf eins möchte ich jedoch noch ganz klar hinweisen: Viele denken, daß meine Scheidung eine Folge der Therapien war. Ich möchte einmal ganz deutlich darauf hinweisen, daß es nicht an dem Klinikaufenthalt lag. Es lag an seiner Entscheidung sich nicht weiter entwickeln zu wollen, an seiner Sturheit an der Vergangenheit festhalten zu wollen, an Werte zu glauben, die ihm sein Vater in der Kindheit vermittelte.

Und das war unser Problem. Es regt mich nämlich immer auf, daß es bei vielen heißt: "Wenn die Alte erst mal in so einer Klinik war, ist die Scheidung nicht weit!" Für viele Ignoranten dann der große Schock, aber für manche Betroffene, sei es nun männlich oder weiblich, oftmals die letzte Rettung für ihr Leben.

Was unterscheidet das Verhältnis zu Ihrem jetzigen Ehemann Josh von dem zu Gerd?

Zuhören können, viel, viel Zärtlichkeit, die ich von meinem Ex nie bekam, Diskussionen, und vor allem viel, viel lachen. Alles Dinge die in meiner ersten Ehe entschieden zu kurz kamen, wenn sie denn überhaupt existierten.

Sind die Depressionen noch einmal wiedergekommen?

Ich denke schon, daß ich Depressionsschübe hatte, manchmal auch heute noch bekomme. Aber seit meinem Klinikaufenthalt weiß ich, wie ich damit umgehen kann und wie ich mich wieder fange. Dabei hilft mir heute z. B. das autogene Training.

Wie äußern sich diese Schübe?

Mich überfällt dann aus heiterem Himmel eine große unerklärliche Traurigkeit. Ich grübele ohne Ergebnisse und hege negative Gedanken.

Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zu Ihren Kindern?

Nach der Trennung von Gerd haben sich meine Kinder dafür entschieden bei ihrem Vater leben zu wollen. Es fiel mir sehr schwer, aber ich mußte es akzeptieren. Mein neuer Lebenspartner und mein Beruf lenken mich von den Trennungsschmerzen, die ich oft empfinde, ab. Ich leide heute noch darunter, daß sie nicht bei mir sind. Es wird weniger, aber letztlich tut es immer wieder weh, die Kinder nicht bei sich zu haben. Denn ich habe mich meiner Aufgabe als Mutter immer voll und ganz verschrieben. Inzwischen sind die beiden erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Meine Hoffnung liegt darin, daß sie eines Tages akzeptieren, das es damals nicht anders ging.

Heute würde ich sagen, daß unser Verhältnis sehr gut und vor allem liebevoll ist. Was nicht bedeutet, daß wir keine Auseinandersetzungen hatten. Vor allem deshalb, weil sie meinen neuen Partner nicht kennenlernen wollten.

Wenn ich in Duisburg bin, treffe ich mich mit ihnen und es ist so, als sei ich gar nicht weg. So empfinde ich es zumindest. Sie wollen nicht darüber reden, daß ich weg bin, aber sie vermitteln mir auch nicht das Gefühl, daß es für sie jetzt ein Weltuntergang sei.

Wir reden oder albern herum, und dann haben die Kiddies keine Zeit mehr für mich, weil die Freundin, der Freund und die Kumpels und und und..... Sie leben ihr eigenes Leben und das ist gut so. Solange wir ein gutes und liebevolles Verhältnis behalten, bin ich zufrieden.

Welchen Beruf üben Sie jetzt aus?

Ich bin Buchbinderin. Die Umschulung war hart, aber es hat sich gelohnt. Ich stürzte mich mit viel Elan in diese Umschulung, weil es mir ungeheuren Spaß machte. Und es gibt immer und immer wieder neues zu lernen.

Außerdem schreibe ich natürlich weiter und suche einen Verlag für mein Kinderbuch.

Zusätzlich habe ich mit einem Roman angefangen, der bisher 250 Seiten hat. Auch in einer Schreibgruppe im Internet bin ich aktiv - ein tolles Team, schreibwütige Menschen und es macht einem viel Spaß. http://www.schreiblust.de. Zusätzlich gibt es noch meinen Mann Josh, der mich so akzeptiert wie ich bin.

Im Nachhinein gesehen - wie hat Sie die Erkrankung persönlich verändert?

Ich bin selbstbewußter, entscheidungsfreudiger geworden. Ansonsten hat sich mein Wesen kaum verändert. Ich bin immer noch menschenfreundlich und suche bei allen erst einmal das Gute. Allerdings bin ich nicht mehr ganz so naiv und leichtgläubig. Vom Schlechten kann man mich später überzeugen, wenn es denn sein muß.

Sehen Sie diesen Prozeß eher als positiv an oder hat Ihnen die Krankheit eine gewisse Zeit Ihres Lebens "gestohlen"?

Ich sehe diese Phase eher positiv, aber natürlich hat sie mir auch viel Zeit gestohlen. Aber hab ich sie letztendlich mir selbst gestohlen? Ich denke ja. Denn es gibt einen Zeitpunkt, ab dem man ahnt, daß das Leben so nicht weitergehen kann, aber man hält an Gewohnheiten fest, die einem schaden. Letztendlich ist aber die Entwicklung der Dinge nicht rational aufzuhalten. Man kann es durch Sturheit verschieben, aber die Zeit kommt, in der wir gezwungen sind die Dinge zu ändern. So sehe ich es heute.

Was möchten Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Keine Angst zu haben vor der Behandlung- das war mein größtes Problem. Und: Nur wer sich helfen lassen will, dem wird die Therapie nutzen. WOLLEN ist das wichtigste dabei. MAN MUSS ES WOLLEN und die Hilfe annehmen. Letztendlich ist es der Weg zur Selbsthilfe.

Aber eigentlich sollte man etwas zu den sogenannten "GESUNDEN" sagen: Akzeptiert endlich Depression als Krankheit und hört auf, die andern mit einem Makel zu behaften. Wissen Sie, wann Sie mal in eine solche Lage schlittern? Ich hoffe, daß Sie dann mehr Verständnis von ihrem Umfeld erhalten als es viele andere und auch ich bekamen.

Zu dem Wort Makel will ich auch noch ein Wort sagen:

Wenn Sie in eine Klinik gehen, um ihr Seelenheil zu finden, stehen Sie hinterher auch dazu. Ich lernte Menschen kennen, die schon in der Klinik die Sorge mit sich herumtrugen, daß die lieben Nachbarn, die Familie, die Kollegen usw. dies niemals erfahren dürften. Ich glaube nicht, daß ihnen diese Therapie geholfen hat.

Stehen Sie zu ihrem Aufenthalt und geben Sie die positiven Erfahrungen weiter. Auch wenn man Sie auslacht, lächeln Sie darüber in sich selbst hinein.

Als ich damals die Klinik verließ, schwor ich mir, hoch erhobenen Hauptes dort hinaus zu gehen und mich der Realität des Lebens zu stellen. Ich bekam ja schon vor dem Aufenthalt in der Klinik eine Kostprobe der unsinnigsten Bemerkungen zu hören. Ich lächele nur in mich hinein. Inzwischen sehe ich so viele Zweifler, die selbst in die Klinik gingen. Ich lache nicht über sie, ich lächele, weil es ihnen anschließend meistens besser geht und gönne es ihnen.

Ich wünsche mir nur, daß dieser sogenannte Makel endlich einmal verschwindet, denn es hindert viele Kranke daran, sich in Behandlung zu begeben.

Nachtrag:

Vor kurzem mußte ich wegen einer Angsterkrankung in die Klinik. Sehr schnell konnte ich mich davon wieder befreien. Ich glaube, durch den Klinikaufenthalt damals in Rinteln, ist es mir diesmal weitaus schneller gelungen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Danke für dieses Interview!

 

(c) Astrid Krüger

Ein Hinweis zum Urheberrecht: Sie sind herzlich eingeladen, meine Texte zu lesen. Zum privaten Gebrauch dürfen sie auch ausgedruckt, sowie Bekannten und Freunden zum Lesen gegeben werden.

Jegliche andere Verwendung, Veröffentlichungen, egal in welchem Medium oder der Verkauf, bedürfen allerdings meiner Zustimmung.


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